Jacques Statler and Marcel Waldorf
Heute im Tages-Anzeiger gelesen: das grosse Interview mit Jacques Herzog und Marcel Meili. Die zwei Stararchitekten wettern wieder einmal über den Zustand der Schweiz. Vieles kann man unterschreiben, ja, man möchte einstimmen in die Suada gegen die Zersiedelung und dem Verdichtungs-Geschwätz, dem keine Taten folgen.
(Zwischenruf: wer sich die sommerliche, tägliche Tagi-Lektüre sparen will, dem sei diese Artikelsammlung ans Herz gelegt. Alle Themen bereits abgehandelt, einiges davon aus meiner Feder.)
Zurück zur Interviewlektüre. Da beschleicht einem das Gefühl: Die zwei Herren machen es sich zu einfach.
Beispiele gefällig? Et voilà!
Marcel Meili: Der Begriff «Verdichtung» ist inzwischen selber zu einer Leerformel verkommen. Heute ist jeder SVP-Gemeindepräsident für «Verdichtung», vorausgesetzt, sie findet nicht vor seiner Haustüre statt. Das geplante Zürcher Fussballstadion ist auch daran gescheitert, dass es verschiedene Anwohner als Skandal empfanden, dass sie nach dem Bau den Uetliberg nicht mehr gesehen hätten. Wirkliche Verdichtung würde eine Stadtvorstellung bedingen, die Enge und Wucht oft aufregender findet als Luft und Weite. Man würde dann vielleicht Wohnungen, die gegen Norden in einen lichtbestrahlten Hang schauen, schöner finden als Südwohnungen. Und es gäbe Leute, die selbst Schatten von mehr als zwei Stunden auf Wohnungen nicht als Verbrechen betrachten, die auch nicht reflexartig jedes Grünzeug mehr lieben werden als den Stein der Strasse.
Klar hat Meili recht. Geschenkt, dass er das jüngste und absurdeste Zürcher Beispiel, das vorderhand verhinderte Altersheim Trotte, nicht erwähnt, sondern nur sein Stadionprojekt. Aber wieso sich darüber ärgern, dass die Schweizer Städter Luft und Weite aufregender finden als Enge und Wucht? Soll man die Leute umerziehen? Wieso nicht Zeit, Arbeit, Energie auf Projekte an Orten verwenden, wo die Schweiz des 21. Jahrhunderts tatsächlich gestaltet wird? Widmet euch der Agglo, nicht den Kernstädten. (Mehr dazu in der aktuellen ZEIT Schweiz; am Kiosk erhältlich.)
Beispiel zwei:
Herzog: Wir sind weder für mehr Staat noch für mehr Zentralismus und weniger Demokratie. Es ist unsere Aufgabe, die urbanistische und landschaftliche Entwicklung der Schweiz zu beobachten, zu kommentieren und Vorschläge vorzubringen. Wenn wir sagen, es ist Zeit für eine neue Radikalität, ist das nicht der Aufruf zu einem Staatsstreich, sondern der Aufruf, das Hirn einzuschalten. Wir sollten nicht die ewig gleichen ideologischen Parteiparolen runterbeten. Die Schweiz ist zwar nicht revolutionär, aber zumindest pragmatisch. Dieser Pragmatismus reicht nun offensichtlich nicht aus, um die anstehenden Probleme von Besiedlung/Urbanität/Landschaft über die Grenzen von Gemeinden, Kantonen und des ganzen Landes anzugehen. Das wäre aber nötig, um die Schönheit des Lebensraums Schweiz zu erhalten.
Dass wir es nicht vergessen: seit mehreren Jahrzehnten (!!!) wettern Experten gegen die Schweizer Raumplanung. Und was ist das Resultat? Ein Siedlungsbrei. Vielleicht wäre es an der Zeit, die Flughöhe der Debatte zu ändern. Denn in der Schweiz kann nur etwas bewirken, wer unten ansetzt: in den Gemeinden. Wer sich aber grundsätzlich nur als Beobachter, Kommentator und Ideengeber versteht, der scheut die Verantwortung. Der will zwar feinsinnige Gedanken spinnen, grosse Würfe in die Welt setzten – aber sich nicht ins mühsame Kleinklein der Politik begeben. Dort aber müssten Figuren wie Meili und Herzog hin.
So aber erinnern sie an die zwei Alten aus der Muppet-Show. Die finden das Gebotene mies, gucken aber doch immer zu und stänkern von der Tribüne:
– Waldorf: Just when you think this show is terrible something wonderful happens.
– Statler: What?
– Waldorf: It ends.

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