Wir planen eine Agglo
Über Jahrzehnte frassen sich im Thurgau Dörfer und Weiler ins Umland. Nun soll damit Schluss sein. Aber wie?
«Die Häuser kommen näher», sagt Liselotte Peter, während sie ihren Subaru über den Feldweg zu ihrem Hof steuert. «Für uns Bauern wird es immer schwieriger.» Gut 30 Hektaren bewirtschaftet ihre Familie in der dritten Generation. Milchwirtschaft, etwas Ackerbau, und aus Liebhaberei vermostet sie jeden Herbst ein paar Dutzend Tonnen Hochstammobst. Schliesslich sind wir hier in «Mostindien». Das 450-Seelen-Dorf Kefikon in der Gemeinde Gachnang im Thurgau hat seine ländliche Unschuld längst verloren. Wie überall im Westen von Frauenfeld schmiegt sich ein Einfamilienhaus-Speckgürtel um die Dorfkerne. Giebeldachhäuschen, davor ein Sitzplatz, rundherum ein Rasenstreifen. Architektonische Stangenware.
Das neue Zeitalter begann im Jahr 1972, als die Nationalstrasse 7 von Winterthur nach Frauenfeld eröffnet wurde. Die Thurgauer jubelten, endlich waren sie schneller in Winterthur, Zürich oder Bern. Keiner dachte daran, dass die Autobahn nicht nur die Städte verbindet, sondern auch Menschen und Firmen auf das Land zwischen den Zentren spült. Ohne gross zu planen, haben die Kefiker und die Gachnanger deren Landhunger gestillt. Sie haben Landwirtschaftsland zu Bauland gemacht. Und als die Bauzonen voll waren, haben sie einfach wieder neue geschaffen. Diese Politik entsprach Volkes Wille – wie an allen Orten in der Schweiz, wo heute die Zersiedlung, der Hüsli-Krebs, beklagt wird.
Am meisten profitiert von dieser Entwicklung haben die Bauern. Zumindest jene, die ihre Höfe aufgaben, ihr Land erst verpachteten und es schliesslich verkauften, wenn sie dem Angebot nicht mehr widerstehen konnten. Die Gelegenheit macht Geschäftemacher. Doch der Boom ist vielen nicht mehr ganz geheuer. 1998 zählte man in Gachnang 2700 Einwohner, 2011 bereits 3500 – bei 4600 «Gochlingern» soll Schluss sein.
Später, in der Bauernstube bei einem Glas Most, sagt Liselotte Peter: «Man will die Gemeinden immer weiter entwickeln. Aber bringt es das?» Nicht, dass die Präsidentin des Dorfvereins und langjährige SVP-Gemeinderätin eine Ewiggestrige wäre. Sie weiss, Stillstand ist für eine Gemeinde wie Gachnang ein Rückschritt. Aber was tun? Die heutige Kantonsrätin Peter wird nachdenklich: «Kann man das Schicksal einer Gemeinde überhaupt beeinflussen?» Gachnang versucht es. Zusammen mit den Nachbarn Frauenfeld und Felben-Wellhausen nimmt man das Planungsschicksal in die eigenen Hände. Gemeinsam wollen die drei Gemeinden die Zersiedlung stoppen, die Landschaft ordnen, ihren «grünen Thurgau» retten. Ein kompliziertes Unterfangen. Ein Lehrstück über den beschränkten Einfluss der Raumplanung und die Ohnmacht von Lokalpolitikern. Wer wissen will, wie diese Feinmechanik im Detail funktioniert, muss sich durch Stapel von Papieren kämpfen. Er muss buntscheckige Pläne studieren. Kurz: Er muss zunächst verstehen, wie die Schweizer Raumplanung funktioniert.
Bild: Blick auf das Dorf Felben-Wellhausen in der Agglo von Frauenfeld, Matthias Daum

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