Freier Wortarbeiter
Die Luft war stickig, der Saal voll. Die Herren etwas müde und dennoch zum Frotzeln aufgelegt. Die chinesischen Schriftsteller Yu Hua und Mo Yan beehrten die Literaturtage in Zofingen. Obschon er Lesungen für eine seltsame Erfindung hält, diese Herren wollte er sehen, hören, erleben. Schliesslich hat er den Buchschinken «Brüder» von Yu Hua verschlungen. Und das lag nicht allein an seinem Faible für literarische Zoten, Vulgäres und Überdrehtes. Nein, auch der Finessen wegen zog es ihn in den Aargau. Mit Li Er hatte am Nachmittag ein Autor seinen Auftritt, der die feine Klinge bevorzugt.
Und was nahm er mit? Einige Bonmots. Etwa über die Geschichte:
«Geschichte ist der Schritt eines Eunuchen, es hat nichts drin. Aber wir wissen, dass der Mönch vor seiner Kastration da ‘was hatte. Ich möchte aufzeigen, was in der Hose war.» Li Er
«Geschichte ist ein hübsches Mädchen, das man zurecht macht.» Li Er
Oder über die Kritikergilde:
«Wenn Kritiker mir vorschreiben wollen, wie man Bücher schreibt, ist das wie, wenn Eunuchen einem sagen, wie man Liebe macht.» Yu Hua
Und als er Yu Hua fragte, was er meinte mit: «Was die Chinesen erleben, muss ihnen nicht die Aussenwelt erklären», kriegte er eine Antwort, die er als Aufruf zum Dialog verstand. Oder verbittet er sich jegliche Einmischung von Aussen?
«Jeder Mensch weiss selber am besten, was er erlebt hat. Was die anderen darüber denken, spielt keine Rolle. Die Veränderungen der letzten 30 Jahre haben die Chinesen erlebt. Wir kennen auch die erfolgreichen Seiten der Entwicklung. Leute aus dem Westen können das nicht auf dieselbe Weise nachvollziehen, wie wir. Wenn ich lese, wie in westlichen Medien über die Entwicklung geurteilt wird, muss ich sagen: Das ist nicht das, was wir erleben.»
Nein, ich war es nicht. Ich hatte mein Handy brav abgestellt, die Digitalkamera zu Hause gelassen und versuchte möglichst flach zu atmen. Denn: Wir wurden gewarnt. In einer E-Mail des Veranstalters, die den Charakter eines Marschbefehls hatte. Keine Kameras! Keine Aufnahmen! Und: bitte möglichst ruhig sein.
Dennoch: In der Schlussphase des zweiten Konzertteils tobte Keith Jarrett! Der Hohepriester der Jazz-Piano-Improvisation sah das Licht. Ein rotes. Den Red-eye-Reducer einer Digitalkamera. Was folgte war ein larmoyanter Sermon. Ein kulturpessimistischer Rundumschlag gegen die Generation «YouTube». Eine wirre Publikumsbeschimpfung.
Das Divenhafte gehört bei Jarrett seit jeher zum Programm. Vor seinen Konzerten wurden schon Hustenbonbons und Taschentücher verteilt, um möglichst sämtliche Geräuschemissionen zu unterbinden. Doch auf dieser Tournee häufen sich die Aussetzer. Sie werden zur Masche. Liegt es am Publikum, wie der Künstler und seine Jünger meinen? Oder nicht doch am Künstler selbst?
Beim Auftritt von 2006 im KKL Luzern kam er ohne derartige Mätzchen aus. Und: Das Konzert war ungleich spannender, als der gestrige Zürcher Auftritt. Ja, dieser war musikalisch gut, sehr gut. Wie Jarrett seine Fäden spinnt, Ideen verdichtet und auseinander seziert: Das ist grossartig. Aber magisch, wie der schmierige Conférencier in seiner Eingangsansprache versprach? Nein, das war dieser Abend nicht. Zu schnell fixierte sich Jarrett auf ein Thema, eine Melodie. Die Entwicklung seiner Gedankengänge war zu wenig hörbar.
Aber wehe dem, der im Saal solches offen ausspricht. Den trifft der Zorn der Jarrett-Anbeter. Wie alle religiös Verbrämten geniessen sie es, wenn ihr Messias die Welt schlecht spricht. Selber fragt man sich: Was zieht Jarrett in die Konzertsäle – vom schnöden Mammon abgesehen? Wäre er in einer aseptischen Studioumgebung nicht besser aufgehoben? Was ist der Zweck einer Live-Aufnahme, welche, vom tobenden Applaus abgesehen, die Publikums-Präsenz negiert?

Ferienzeit ist Lernzeit. Auch in Frankreich. Zwischen Austern, Camembert und Cidre erhielten wir: Lektionen in Überfürsorge und Überregulierung.
Lektion I: Das Kindermädchen
Lautsprecherdurchsage im Pariser Gare Saint-Lazare: «Achtung! Aufgrund der prekären Witterungsverhältnissen…» – «Verdammt», denken wir. «Unser Zug hat Verspätung». – «…ist der Boden glitschig. Passen sie auf, dass sie nicht stürzen».
Nun sind wir ja dankbar, wenn man uns vor unsanften Stürzen auf unsere Hinterteile warnt. Aber eigentlich, liebe SNCF, sind wir genug alt, um unser Gehtempo den «prekären Witterungsverhältnisse» anzupassen. Und: Dass wir bei allfälligen Grippesymptomen zu Hause bleiben sollen, wissen wir in Zeiten der Viechergrippe auch. Damit muss man uns, liebes Gesundheitsministerium, nicht mehr in den Ohren liegen. Zumal in der Bahnhofshalle, wo wir auf den Zug in die wohlverdienten Ferien warten. So hörten wir gar nicht mehr hin, als der Kondukteur in ebendiesem seine Fahrgäste bat, auffällige Gegenstände zu melden. Obschon: Das blaue Fass, welches eine Passagierin mit sich führte, regte unsere Fantasie an. Dünger? Sprengstoff? Gepökelte Leichenteile? Aber wir waren sicher: Unser Kindermädchen namens Obrigkeit kümmert sich auch darum.
Lektion II: Die Abstiegsangst
Noch gibt es französische Tageszeitungen. Doch sie sind schwindsüchtig. Inserate: Fehlanzeige. Design: angelsächsisch. Trotzdem: Das Wichtigste steht drin. Zum Beispiel im «Le Monde» vom 7. Oktober. Ein spannendes Interview mit Eric Maurin von der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS). Thema: Sein neustes Buch, «La peur du déclassement».
Sein Fazit: Die Schere zwischen den Habenden und Nicht-Habenden geht in Frankreich immer weiter auf. Und: in den mit linken Parolen geführten Kämpfe für Gerechtigkeit geht es in Tat und Wahrheit um Besitzstandswahrung. Um die Beibehaltung des staatlichen Schutzes vor sozialem Abstieg. Gerade in der Rezession.
Doch: dieser Schutz kostet. Milliarden von Euro. Und: Bezahlen müssen ihn (auch) die Nicht-Privilegierten. Denkt man dabei an Die Banlieu-Jugend, die Belleville-Einwanderer, irrt man. Beispiel gefällig? Ein weltbekanntes Designbüro. Aufträge für staatliche Museen, Flughäfen, Landesausstellungen. Festangestellte: 1, die Sekretärin. Die Designer: alles Freelancer, deren Altersvorsorge über eine staatliche Künstlerkasse geregelt wird. «Ausbeuter!», schreit man. «Ja, der Staat», antworten die Betroffenen. Denn: wären sie festangestellt, käme das den Arbeitgeber doppelt so teuer zu stehen. So vergrault man Kleinunternehmer, vernichtet man Arbeitsplätze, bläht man den Staatsapparat auf. Ja, ganz des Teufels ist Wettbewerb wohl doch nicht.
Bildquelle: La documentation française
«Le Corbusier bewunderte Hitler und die Nazis». Die Titelgeschichte der heutigen Weltwoche ist für Architekturinteressierte ein alter Hut; was auch die Kollegen von Hochparterre bemerkten. Köbi Gantenbein merkt an: Viel lieber hätte er gelesen, weshalb in der Öffentlichkeit Le Corbusier bis heute eine Leuchtfigur ist?
Die dringendste aller Fragen stellt aber auch Gantenbein nicht. Sie lautet: Wie halten es die heutigen Stararchitekten mit der Macht? Etwa in China. Wo Rem Koolhaas für das Staatsfernsehen CCTV baut und allen Ernstes meint, mit seinem Prunkbau einen «katalytischen Effekt» zu erzielen: «Mit dem Ziel, die herrschenden Bedingungen zu verändern». Vielleicht sollte man sich in Rotterdam die heutige Parade zum 60. Jahrestag zu Gemüte führen. Wandel und Öffnung sieht anders aus. Oder Herzog & de Meuron. Eine Szene im Dok-Film «Bird’s Nest» zeigt die Blauäugigkeit, mit der westliche Architekten in China agieren. Beim Spatenstich verlangt Pierre de Meuron nach einer Schaufel. Er kriegt keine. «I’m the architect!», meint er empört. Die chinesischen Offiziellen geben sich unbeeindruckt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Danke für den Entwurf! Merci für das Monument! Der Name Herzog & de Meuron fällt nie, wenn man an einer Führung durch das Olympiastadion teilnimmt.
Hugo Loetscher nannte Schanghai einen «Übungsplatz der Zukunft». Für Architekten sind autokratische Länder eine Spielwiese für die Erfüllung ihrer Gottvater-Fantasien. Kein mühsames Bewilligungsverfahren, keine Bauordnungen, die peinlich genau eingehalten werden müssen, keine Gewerkschaften, die sich gegen 24-Stunden-Schichtbetrieb wehren, keine Umweltschutzauflagen, die alles verteuern. Dafür: Korruption, Rechtsunsicherheit, Copyright-Verletzungen. Darüber, liebe Weltwoche, liebes Hochparterre, würden wir gerne mehr lesen. Roman Hollenstein hat vor anderthalb Jahren den Anfang gemacht.
Aber man könnte noch weiter gehen. Denn ist Architektur, sind Architekten nicht immer totalitär? Falls gewünscht, greifen wir dazu auch selber in die Tasten? Eigentlich sogar gerne. Mail oder Anruf genügt.
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