DIE ZEIT
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21. Mai 2015, Die Zeit

»Das System kollabiert«

Mike Müller ist der lustigste Schauspieler der Schweiz. Mit seinem Bruder Tobi bringt er nun ein Theaterstück über die Autobahn 1 zur Uraufführung. Ein ernsthaftes Gespräch über Dauerstau, Beton-Porno – und die Grenzen des Wachstums

DIE ZEIT: Mike Müller, Sie brachten Viktor Giacobbo einmal fast zur Verzweiflung, weil Sie ihm erklären konnten, was eine Dilatationsfuge ist.

Tobi Müller: (lacht schallend)

Mike Müller: Das war vor diesem Projekt! Vielleicht ist das Theater für uns eine Chance, unser unnützes Wissen in eine Form zu bringen und vor dem Über-Ich zu rechtfertigen.

ZEIT: Aber was ist nun eine Dilatationsfuge?

M. Müller: Das “dädäng, dädäng” auf den alten Beton-Autobahnen. Wenn zwei Baukörper aufeinander stoßen, dann braucht es eine Fuge, weil sich die beiden Körper ausdehnen. Im Aargau merkte man das noch lange beim Fahren. Die haben die Betonpisten der A 1 am längsten saniert – wegen Holcim in Holderbank, also wegen dem Schmidheiny. Man kann in der Schweiz am kleinen Zeugs das ganz Große erzählen.

ZEIT: Sie widmen der A 1 einen ganzen Theaterabend. Warum gerade jetzt?

T. Müller: Wir haben sicher ein Jahr lang diskutiert. Eine Zeit lang dachten wir daran, etwas über den Zürcher Verkehrsverbund zu machen. Über die S-Bahn. Aber für ein Theaterstück hätte uns das zu sehr eingeschränkt.

ZEIT: Wieso also die Autobahn?

T. Müller: Sie ist das größte Bauwerk der Schweiz. Und an ihr lässt sich ein aktuelles Thema erzählen: das Postwachstum. Man weiß, das Ding genügt nicht mehr, überall Stau, aber man hat keine Ahnung, was man damit machen soll.

M. Müller: Uns interessieren Themen, die wabern, aber nicht durch eine aktuelle Diskussion besetzt sind. Man spricht in der Schweiz sehr gerne über den Nord-Süd-Verkehr …

ZEIT: … also über den Gotthard, durch den man bald einen zweiten Straßentunnel bohren will …

M. Müller: … durch den Gotthard rollen im Jahresschnitt gleich viele Autos wie über die Hauptstraße in Flawil. Den Ost-West-Verkehr vergisst man völlig.

T. Müller: Man sieht das auch in den Statistiken. Es ist viel weniger gut erfasst, was auf der Ost-West-Achse passiert. Und es werden viel weniger Gelder für die Forschung lockergemacht. Das hat sicher mit dem mythischen Kampf um die Piora-Mulde zu tun, diesen Kern der Schweiz aus Sand.

M. Müller: Kein Land auf der Welt hat je über einen geologischen Punkt so viel Bescheid gewusst wie die Schweiz über diesen Brei im Innern des Gotthards.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das?

T. Müller: Über den Transitverkehr kann die Schweiz ihr Verhältnis zum Ausland verhandeln: Einerseits ist da die Angst, dass das Land umfahren wird, andererseits will man die vielen Ausländer nicht, die hier durchfahren. Dabei ist der meiste Verkehr in der Schweiz hausgemacht.

ZEIT: Wie sind Sie bei Ihrem Stück vorgegangen?

T. Müller: Wir stießen auf das Buch Autonauten auf der Kosmobahn von Julio Cortázar und Ehefrau Carol Dunlop, erschienen 1983. Ein todkrankes Dichterpärchen fährt von Paris nach Marseille und will alle 63 Rastplätze besuchen – und auf jedem zweiten übernachten. Diese Idee fanden wir toll, hatten aber nicht so viel Zeit. Also fuhren wir in zwei Tagen von St. Margrethen nach Genf und wieder zurück nach Zürich. Mike saß hinterm Steuer, ich daneben, auf dem Rücksitz eine Kamerafrau. Die Fahrt war unglaublich anstrengend. Wir waren komplett am Arsch!

ZEIT: Weshalb?

T. Müller: Der Sound, dieser Irrsinn, dem man dauernd ausgesetzt ist. Es ist laut, es ist hektisch.

ZEIT: Sie kehrten dann immer wieder auf die A 1 zurück und haben mit mehreren Dutzend Menschen Interviews geführt. Was haben die Ihnen erzählt?

T. Müller: 500 Seiten in 10-Punkt-Schrift …

M. Müller: … in 1-Zeilen-Abstand. (beide lachen)

ZEIT: Alles klar. Trotzdem: Gab es bei diesen Gesprächen einen Augenöffner?

M. Müller: Was das für ein Stück Architektur ist …

T. Müller: …wir nannten das Beton-Porno. Schweizer Ingenieurskunst. Die Gute Form. Man spricht in der Schweiz nicht umsonst von Kunstbauten.

M. Müller: Das sieht man vor allem in den Aufnahmen aus dem Fernseharchiv, die Tobi anschaute.

T. Müller: Dieser Änderungswille, der teilweise autoritär vollzogen wurde, weil der Bund die Nationalstraßen unbedingt wollte und dafür die Kantone entmachtete. Dieser Wille, der öffnete uns die Augen.

ZEIT: Sie beide klingen ganz euphorisch.

T. Müller: Die Schönheit der Veränderung ist ansteckend. Man wird etwas nostalgisch. Aber in der Gegenwart klingt es anders. Ein Experte, der Raststätten entwickelt, ist heute ratlos. Das System kollabiert! Wir trafen ihn in Würenlos, im “Fressbalken”, unter dem täglich 110.000 Autos durchbrettern. Am gescheitesten wäre es, die Lastwagen in Basel auf den Zug zu verladen, den Chauffeuren ein Mittagessen zu bezahlen und sie in Italien wieder auf die Straße zu lassen. Dasselbe auf der Ost-West-Achse.

M. Müller: Diese verstörende Ratlosigkeit ist ein wiederkehrendes Moment. Der Verkehr hört einfach nicht auf, die Probleme werden exponentiell größer. Und es geht in den Diskussionen sofort um Ideologie.

ZEIT: Tatsächlich? Heute fahren doch selbst die Rechten mit der Bahn, und die Linken sind Mobility-Genossenschafter.

T. Müller: Die Rechten haben sich zwar gegenüber dem ÖV entspannt, und die Linken behaupten heute, man könne alles durch den technologischen Fortschritt lösen. Es gibt aber keine einzige politische Partei, die Zukunft ohne Wachstum denkt.

M. Müller: Alle sind Optimisten. Auch die Grünen. Und die Grünliberalen sind eine SVP-Kopie – einfach ohne Atomkraft.

T. Müller: Wenn man jedoch bei den Wissenschaftlern nachfragt, die sich mit Mobilität und Wachstum beschäftigen, dann wird schnell klar: Wir müssten über eine reduktive Wende zumindest mal nachdenken. Wir können nicht ewig wachsen!

ZEIT: Spürten Sie bei den Menschen, die Sie an der A 1 trafen, ein Umdenken?

M. Müller: Bei 50 Interviews sind wir empirisch auf der kurzen Seite. Aber diese Ratlosigkeit an allen Orten, gerade unter den Politikern: Früher dachten sie noch in 20-Jahres-Schritten, dann in 10-Jahres-Schritten, heute vielleicht noch knapp auf fünf Jahre hinaus.

T. Müller: Nicht jeder Straßenarbeiter sagt: “Jawohl, wir brauchen eine reduktive Wende!” (beide lachen) Aber es gibt ein Problembewusstsein: einen Politiker, der immer wieder ein Sugus essen muss, damit er auf der Straße die Nerven nicht verliert. Eine Frau, die an einem fahrbaren Imbiss im Aargau arbeitet, erzählt, wie ausländische Lastwagenfahrer kaum mehr Standplätze finden. Oder eine FDP-Gemeindepräsidentin beim Autobahnkreuz Egerkingen, die ganz melancholisch wird: “Ja, manchmal wünschte man sich, das Rad der Zeit etwas zurückzudrehen.” Dabei hat die Autobahn den Wohlstand in diese Gegenden gebracht, das wissen wir beide aus unserer eigenen Familiengeschichte.

ZEIT: Wollen die Schweizer überhaupt noch Auto fahren?

T. Müller: Unbedingt. Ein wichtiger Begriff für unseren Theaterabend ist der Sättigungsgrad. Mal um Mal hat man berechnet, wie viele Autos es in der Schweiz braucht. Und hat sich laufend verschätzt. Alle fünf Jahre hat man den Sättigungsgrad erhöht – und das Ende ist noch nicht erreicht.

M. Müller: Das hat natürlich auch etwas mit Geld zu tun. Die einfachste Golf-Variante, der 1100er, oder das Basismodell des Citroen BX, die hat es in der Schweiz nie gegeben. Das ist wie beim Calvados: VSOP-Calvados trinken nur die Schweizer, deshalb muss man den in Frankreich kaufen, dort ist er 20 Prozent günstiger. Auch in den USA fahren sie mit den viel einfacheren und älteren Autos rum. Das sind ja nicht alles “Goldchetteli”-Rapper mit einem Cadillac Escalade.

ZEIT: Also wie so oft in der Schweiz: Wir leiden am Fluch des vielen Geldes.

M. Müller: Ob es ein Fluch ist? Ich weiß nicht.

T. Müller: Wir fuhren im Greyerzerland an einer großartigen Toilettenanlage vorbei, Gurbrü, Nordseite, die sieht aus wie ein modernistischer Mies-van-der-Rohe-Pavillon auf irgendeinem Ausstellungsgelände in Paris, Venedig oder Mailand. Eine “Schiissi”, das hältst du nicht aus, die ist so perfekt!

M. Müller: Die UBS könnte sich so etwas nicht leisten, auch nach den neusten Zahlen.

T. Müller: Es hört sich nun so an, als würden wir eine Schulfunksendung machen. Was uns wahnsinnig interessieren würde …

M. Müller: … ich fände das super!

T. Müller: Der Regisseur, die Schauspieler und die Zuschauer vermutlich weniger. Wir machen immer noch Theater.

M. Müller: Ich will den Zuschauern nicht drohen: Wenn ihr euch bis morgen früh nichts Gescheites überlegt habt, dann geht es euch gaaanz schlecht! Wir lassen die Zuschauer selbstverständlich glücklich in die Nacht raus. (lächelt)

ZEIT: Sind Sie eigentlich enttäuscht, dass die großen Autobahn-Würfe heute nicht mehr möglich sind?

T. Müller: Ein großes Stück Glamour ist weggebrochen.

M. Müller: Früher wurde noch Wohnen an der Autobahn gefeiert.

T. Müller: Oder Bundesrat Tschudi, der 1962 bei der Autobahn-Eröffnung am Berner Grauholz von der “schönen Straße durch die schöne Landschaft” sprach. Er dachte an Amerika, an die Parkways.

M. Müller: Es gibt auch kein großes Fest mehr, wenn ein Autobahnstück fertig ist. Der Durchstich des NEAT-Tunnels, da waren von sieben Bundesräten zwölf vor Ort. Alle News-Abteilungen der SRG waren dort. Bei den Straßen ist man da verschämter.

T. Müller: Es wird aber auch in Zukunft große Würfe geben. Nur nicht mehr zentral entworfen und autoritär durchgedrückt.

ZEIT: Obschon Sie sagen: Das Wachstum kann nicht ewig dauern?

T. Müller: Wenn man ins Archiv steigt, sieht man, wie die Zeit vergeht: zum Beispiel bei den Geschlechterrollen. “Vor dem Überholen, Blick zurück – aber nicht auf schöne Mädchenbeine.” Zack! Schwenk! Mädchenbein rauf, Minirock, über den Arsch, sie beugt sich über die offene Motorhaube …

M. Müller: … mit dem Motor, den sie nicht flicken kann.

T. Müller: Und dann ruft sie die Autobahnpolizei Oensingen an: “Ja, mir chöme!” Das ist heute nur noch in einer Satiresendung möglich …

M. Müller: … auch dort schwierig.

T. Müller: Man sieht: Bei den Geschlechterverhältnissen hat sich etwas getan. Aber die Grenzen des Wachstums sehen wir noch immer nicht.

M. Müller: Es ist der Preis der Wurstlerei. Gut, dann machen wir sechs Spuren. Gut, bauen wir den Baregg aus. Hm, aber im Gubrist gibt es dann “Lämpe”. Also: dritte Röhre!

T. Müller: Hauptsache, die heilige Barbara vor dem Gubrist-Portal hat ein Ersatzlämpchen im Rücken, damit man es schnell tauschen kann, wenn jemand im Amt anruft: “Das brennt nicht mehr.”

M. Müller: Aber die dritte Röhre wird nicht viel bringen. Vielleicht stehen wir dann einfach wieder vor dem Baregg.

ZEIT: Ist Ihnen selber die Lust am Autofahren vergangen?

M. Müller: Ich bin da nicht besser als alle anderen. Ich finde das zwischendurch noch immer etwas Lässiges.

T. Müller: Ich finde Autofahren – ganz ehrlich – bescheuert, aber leider geil. Ich fahre nur, wenn wir mit der Familie in die Ferien, tja: fliegen und ein Auto mieten. Und weil wir eine ausreichend große Familie sind, sind es auch große “Chläpf” mit guten Anlagen drin. Und da brettert man die süditalienischen Autobahnen runter, rechts das Meer. Da geht mir auch alles ab!

ZEIT: Was hören Sie dabei?

T. Müller: Mühselig zusammengestellte Mixes, die Kleinkinder, Pubertierende und mich gleichzeitig zufriedenstellen.

M. Müller: Ich höre Radio, das mache ich zu Hause nie. Und nachts höre ich Podcasts von Radio SRF 1 und 2. Das finde ich unglaublich toll. In diesen bequemen Sitzen. Von draußen hört man nichts mehr. Und in meinem Alter fährt man auch nicht mehr am Limit, sondern knackt den Tempomat rein – und rauscht heim.