Dave und die Kaffeekapsel
Wie es einem Schweizer Produkt gelingt, dem britischen Premier einen Freudentag zu bescheren.
Ohne eine kleine Kaffeekapsel aus der Schweiz hätte es David Cameron, Premierminister Ihrer Majestät, womöglich nie in diesen Winkel des britischen Königreiches verschlagen. Tutbury, das war lange Zeit eine kleine, verschlafene Fabrik mit 165 Angestellten. So sagt es Manager Gavin Burton. Bis er kam: David Cameron, der Regierungschef persönlich. Im letzten November fuhr er mit seiner ganzen Entourage von London gen Norden. Ein paar Tage zuvor hatte die Jugendarbeitslosigkeit eine kritische Marke durchbrochen: Eine Million Briten zwischen 16 und 24 Jahren waren ohne Arbeit. Das sind mehr als 20 Prozent aller Jugendlichen. Die Rate ist sechsmal höher als in der Schweiz.
Doch dieser 24. November war ein Freudentag für den Tory-Politiker. Es waren big news zu verkünden. 110 Millionen britische Pfund investiert der Schweizer Weltkonzern Nestlé in den Ausbau seiner Kaffeefabrik, 300 neue Jobs werden geschaffen. Von Tutbury in den West Midlands aus soll – gemeinsam mit Werken in Girona und Schwerin – die Welt mit Dolce-Gusto-Kapselkaffee versorgt werden. Premierminister Cameron genoss seinen Auftritt sichtlich. Er griff sich ein Mikrofon und sprach: »Diese Investition zeigt das Vertrauen, das Großbritannien genießt. Es ist offensichtlich: Wir haben eine großartige Industrie-Zukunft vor uns.«
»David Cameron?« John Forkin winkt ab. »Das sind alles schöne Worte.« Eigentlich sind Kaffeekapseln ein Krisengeschäft. Die Leute trinken ihren Espresso, Cappuccino oder Latte macchiato zu Hause statt bei Starbucks, Costa oder Prêt-à-manger. John, ein Mittfünfziger mit schlohweißen Haaren, weiß zu gut, wovon er spricht. Zu oft hat der Direktor des lokalen Standortvermarkters erlebt, wie das Publikum auf Konferenzen abschaltete, als er »the m-word« , wie er es nennt, erwähnte. Von M wie manufacturing wollte in Großbritannien jahrzehntelang niemand etwas hören. Geschweige denn Geld darin investieren. »Alle dachten dabei an einen Typen im Blaumann, der auf irgendein Metallstück drischt.«
Bild: David Cameron besucht am 24. November 2011 die Nestlé-Fabrik in Tutbury © Simon Jacobs/Nestlé

RSS-Feed