DIE ZEIT
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3. November 2011, NZZ Campus

Die Überzeugte

Der Kommandant knallt mit der Hand auf den Tisch. «Commander White, please! My name is Commander White!» Schon wieder sprach man ihn mit Mister an. Ein unverzeihlicher Fauxpas. Lerne: Militärs bestehen auf einer korrekten Anrede. Auch von Delegierten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Wir sind in Versoix bei Genf, im Ausbildungszentrum des IKRK. Ein Schulungsraum im Obergeschoss. Whiteboards an der Wand, im Raum stehen vollgekritzelte Flip-Charts.

Doch heute ist dies eine Polizeistation des fiktiven Staates «Alpastan». Es herrscht Bürgerkrieg. Eine Rebellenarmee kämpft gegen die Regierung. Diese schlägt zurück. Sie nimmt Hunderte Gefangene, aber bald überquellen die Gefängnisse. Auch jenes von Commander Jeffrey White. Die Zustände sind prekär, es mangelt an allem. Das IKRK will sich vor Ort ein Bild machen: die Gefangenen besuchen, die Angehörigen informieren, Medikamente liefern. Auf Befehl des Justizministers hat Commander White, gespielt von einem erfahrenen Ausbildner, den IKRK-Besuchen zugestimmt. Nun gilt es, Details zu klären. Wo kann man mit den Gefange- nen unter vier Augen sprechen? – «Im Innenhof.» Welche Medikamente braucht der Gefängnisarzt? – «Wir machen eine Liste.» Doch dann eskaliert die Situation. In einer Kinderzeichnung, die eine Familie ihrem gefangenen Angehörigen durch das IKRK überbringen liess, findet White eine Geheimbotschaft. «Kameraden! Befreiung! Verschwörung! Ausbruch!» Der Commander verliert die Beherrschung: «You see, how they are, these bastards?!» Wieder donnert seine Faust auf den Tisch.
Für Aussenstehende sind solche Rollenspiele Kindertheater. Aber für die Teilnehmenden sind sie ernst. «Ein Kollege und ich gerieten uns einmal fast in die Haare», sagt Rida Azar. In ein paar Tagen beendet die 30-jährige Libanesin die dreiwöchige Delegiertenausbildung. Das Camp in Versoix ist das Ende eines aufwändigen Rekrutierungsprozesses. Man prüfte Ridas Dossier und ihr Motivationsschreiben. Man lud sie zum Eignungstest, zu mehreren Gesprächen. Sie musste eine gespielte Geiselnahme überstehen, in Workshops ihr Verhandlungsgeschick beweisen. Ende Woche fliegt sie ab. Erst nach Amman, dann nach Bagdad. Ihre erste Mission.

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Bild: Hauptsitz des IKRK in Genf