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4. April 2012, Die Zeit

Eine Berufung wird zum Job

Hat die Schweiz die Diplomaten, die sie braucht? Sittenbild einer Branche im Umbruch

Der gummibärchenfarbige Hörsaal an der Uni Zürich ist gut gefüllt. »EDA – Quo vadis?« lautet der Titel der Veranstaltung. Ein Altbotschafter, ein Thinktank-Gründer und ein Uni-Professor parlieren, ganz gesittet, über die Schweiz, ihre Rolle in Europa, in der Welt. Doch dann, in der Fragerunde mit dem Publikum, entflammt die Debatte. »Die Schweizer Außenpolitik ist eine Katastrophe!«, ruft ein altgedienter Diplomat in den Saal. Zustimmendes Nicken. Betretenes Schweigen.

Ist die Schweizer Diplomatie tatsächlich im Niedergang? Und was bedeutete das für den Kleinstaat, der mit den USA und der EU im Steuerstreit liegt, also stark unter Druck steht – und dabei immerfort Zugeständnisse machen muss?

Ein paar Wochen später, in der Au Premier Bar im Zürcher Hauptbahnhof. Christian Blickenstorfer, graue Haare, dünne Brille, trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, ein schwarz-weiß gestreiftes Jackett. Eben ist er aus seinem Zweitwohnsitz im Engadin an den Zürichsee zurückgekehrt. Als Botschafter war er für die Schweiz in Saudi-Arabien, Washington und Deutschland. Im vergangenen Sommer, nach seiner Pensionierung, gründete Blickenstorfer einen Klub ehemaliger Diplomaten, die Swiss Diplomats – Zurich Network. An der Uni Zürich saß er mit auf dem Podium.

Seine Kritik äußert der 67-Jährige sachlich. Er ist kein Gekränkter wie Carlo Jagmetti, der ehemalige Botschafter in Washington, den der Bundesrat 1997 fallen ließ, weil in der Affäre um die Holocaust-Gelder eine seiner geharnischten Depeschen an die Öffentlichkeit gelangte. Er ist keiner wie Thomas Borer, der letzte Star der Schweizer Diplomatie, der als Botschafter in Berlin sogar bei Wetten, dass..? auf dem Showsofa saß, das Opfer einer Medienkampagne wurde und schließlich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) im Streit verließ.

Aber auch Christian Blickenstorfer findet, auf ihn und seine Botschafterkollegen werde zu wenig gehört. Etwa in der Debatte ums Bankgeheimnis. Seit Jahren hätten sie die Zentrale in Bern darauf aufmerksam gemacht, dass die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug außerhalb der Schweiz nicht verstanden werde. »Die Schweiz hätte für die Aufgabe des Bankgeheimnisses von den USA eine Gegenleistung aushandeln können, wenn Bern früher die Warnungen der Diplomaten auf den Außenposten gehört hätte.«

Doch geht es den Altbotschaftern wirklich nur darum, endlich Gehör zu finden, endlich befreit vom Maulkorb, den sie von Amtes wegen trugen, ihre Meinung zu sagen?

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Bild: Botschafterkonferenz 1937 in Oberdiessbach