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	<title>Matthias Daum</title>
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	<description>Journalist</description>
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		<title>Das Danaergeschenk</title>
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		<pubDate>Wed, 22 May 2013 06:44:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Verwaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Zürich]]></category>

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		<description><![CDATA[Wieder sorgt das 100-Millionen-Sponsoring der UBS an der Uni Zürich für Wirbel. Nun liegen sich die Ökonomen in den Haaren]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wieder sorgt das 100-Millionen-Sponsoring der UBS an der Uni Zürich für Wirbel. Nun liegen sich die Ökonomen in den Haaren</span></p>
<p>Ernst Fehr schritt zum Äußersten. Am 5. Februar trafen sich die Professoren des Instituts für Volkswirtschaftslehre der Universität Zürich zu einer Versammlung: Sie sollten einen drastischen Umbau absegnen. Fehr, der als Leiter des Instituts das Treffen zwei Wochen zuvor einberufen hatte, verlangte von jedem Lehrstuhl Geld – um damit die Reform des Doktoratsprogramms zu finanzieren. Sollte sein Ansinnen abgelehnt werden, so Fehr, trete er als Institutsdirektor zurück.</p>
<p>Dies melden jedenfalls Anwesende. Fehr selber sagt, dass es an jenem Abend um Entscheidendes gegangen sei: Die geplante Reform sei unerlässlich, damit das Institut Anschluss an die Weltklasse finde. &#8220;Wir implementieren hier nur, was jedes internationale Topdepartement schon lange hat.&#8221; Weniger Geld für einzelne Professuren, mehr Geld für das Graduiertenprogramm, welches wiederum Institutsdirektor Ernst Fehr unterstellt ist – es ist eine Umverteilung, die zwangsläufig Widerstand weckt.</p>
<p>Weshalb aber interessiert die interne Reorganisation eines Hochschulinstituts über die Uni Zürich hinaus? Weil das Institut für Volkswirtschaftslehre nicht irgendein Institut ist und Ernst Fehr nicht irgendein Ökonom. Vor einem Jahr landete er einen veritablen Coup: Für 100 Millionen Franken stiftet die Großbank UBS der Uni Zürich ein wirtschaftswissenschaftliches Forschungszentrum mit fünf Lehrstühlen. Sein Name: UBS International Center of Economics in Society. Geleitet wird es von Ernst Fehr. Doch über dem UBS Center hängt ein Schatten: Der Vertrag zwischen Bank und Universität liegt nur in einer geschwärzten Version vor. Die Parteien versprachen, dass die Freiheit von Forschung und Lehre an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät davon keineswegs berührt sei. Zweifel daran kursieren bis heute, unter anderem provozierte das 100-Millionen-Sponsoring im Januar den &#8220;Zürcher Appell&#8221;, worin sich gut 1400 Personen aus Wissenschaft und Bildung für eine umfassende Freiheit der Universitäten einsetzten.</p>
<p>Ein Papier aus dem Institut für Volkswirtschaft, das der <em>ZEIT</em> vorliegt, heizt diese Befürchtungen nun neu an. Mehrere Professoren wenden sich darin gegen den Umbau des Instituts – und sie deuten an, dass der UBS-Vertrag dabei eine direkte Rolle gespielt habe. Im April 2012, also zeitgleich mit der Bekanntgabe des 100-Millionen-Deals, machte sich ein Team von Professoren an die Reform des Doktorandenprogramms. Mit dabei: Ernst Fehr. Bei den Gesprächen taten sich bald Differenzen auf, worauf Institutschef Fehr im Januar 2013 die Arbeitsgruppe auflöste – unter anderem mit der Erklärung, der ganze Umbau sei &#8220;eine Idee, welche während der Verhandlungen mit der UBS auftauchte. In der UBS-Vereinbarung wurde festgelegt, dass die Graduiertenschule reformiert werden muss. Dass wir das jetzt reformieren, ist ein direktes Resultat dieser Vereinbarung.&#8221; So beschreibt es das interne Papier, deren Urheber, vier Ökonomieprofessoren, gegenüber der <em>ZEIT</em> keine Stellung nehmen wollten. Fehr selbst erinnert daran, dass der gesamte erweiterte Vorstand des Instituts den Feinschliff des Programms vorgenommen habe, seit 2008 sei darüber diskutiert worden, und schon 2010 seien zentrale Entscheide gefallen. &#8220;Nun wird der letzte Reformschritt vollzogen&#8221;, sagt Fehr.</p>
<p>Tatsächlich hatten die UBS und die Universität bereits bei der Bekanntgabe ihrer Zusammenarbeit angedeutet, dass man eine Swiss Graduate School of Economics einrichten wolle; dieser Aspekt wurde damals nicht weiter ausgeführt, er blieb in der Öffentlichkeit unbeachtet.</p>
<p>Interne Kritiker sehen aber einen direkten Zusammenhang – die Reform der Doktorenausbildung als Nebenwirkung des UBS-Sponsoring. Sie verweisen beispielsweise darauf, dass bei der Schaffung der neuen Graduiertenschule Roman Studer eine wichtige Rolle spielt: Er ist der Geschäftsleiter des UBS International Center of Economics in Society und war im vergangenen April von der Großbank gekommen. Obwohl er vom UBS Center angestellt ist und von der UBS Foundation bezahlt wird und so in keinem Arbeitsverhältnis mit der Uni Zürich steht, half er im Oktober beim Entwurf eines neuen Doktorandenprogramms am Volkswirtschaftsinstitut mit.</p>
<p>Die Frage ist also, ob sich hier letztlich die zwei Einheiten – das neue UBS Center und das bestehende, staatlich finanzierte Institut der Universität – mehr vermischen als erwünscht. Damit zeigt der Fall auch: Es könnte eine Illusion sein, dass sich Sponsoringgelder von Unternehmen sauber vom staatlich finanzierten Kern der Hochschulen trennen lassen. Sondern sie wirken auf vielerlei Weise zurück. Auch Ernst Fehr ahnt eine gewisse Rückkopplung, im umgekehrten Sinne: Einige Professoren, die sich der Reform verweigern, wollten nun einfach dagegen mobilisieren, &#8220;indem ein Einfluss der UBS suggeriert wird. Die Kritiker sind rückwärtsgewandte, eigennützige Ordinarien, die nicht auf ihre Privilegien verzichten wollen.&#8221;</p>
<p>Allein das heikle Interessengemenge ist bereits im verflochtenen Konstrukt von Großbank-Sponsoring und Universität angelegt: Ernst Fehr ist Vorsteher des Instituts für Volkswirtschaftslehre und gleichzeitig Chef des Doktorandenprogramms sowie des UBS Center. Umso problematischer, dass unklar ist, was mit dem Center in zehn Jahren passiert, wenn die 100 Millionen aufgebraucht sind. Die UBS Foundation kann ihr Engagement um jeweils fünf Jahre verlängern, sie kann den Vertrag aber auch bereits per Mitte 2017 kündigen.</p>
<p>Angesprochen auf den neusten Wirbel um die UBS-Millionen, sagt Uni-Rektor Andreas Fischer: &#8220;Der Vertrag mit der UBS Foundation hat keinen Einfluss auf die Ausgestaltung und die Reform des Graduiertenprogramms. Diese Reform ist bereits viel länger im Gange.&#8221; Die Vorgänge am Institut für Volkswirtschaftslehre sind aber derart brisant, dass sich am vergangenen Montagabend das oberste Organ der Universität, der Uni-Rat unter der Leitung von SP-Regierungsrätin Regine Aeppli, damit befasste.</p>
<p>Eigentlich sollten die 100 UBS-Millionen der Universität zu Ruhm und Ehre verhelfen – und vielleicht zu einem Nobelpreisträger namens Ernst Fehr. Zurzeit verursacht das viele Geld aber vor allem viel Arbeit in der Uni-Verwaltung. Der Ärger über den Wirbel ist in der Zwischenzeit so groß, dass einige Professoren hinter vorgehaltener Hand stöhnen: &#8220;Ach, hätten wir diese Millionen doch nur nie bekommen.&#8221;</p>
<p>Den jetzigen Rektor, der den UBS-Deal verantwortet, wird das nicht mehr kümmern müssen, er tritt per Ende Juli 2014 zurück. Ende Monat wird seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger gewählt.</p>
<p style="text-align: right;">…weiter</p>
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		<title>Allein zu Haus</title>
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		<pubDate>Wed, 22 May 2013 06:37:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schweiz]]></category>

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		<description><![CDATA[Noch nie wohnten so viele Menschen in der Schweiz allein. In einer immer hektischeren Gesellschaft erkaufen sie sich damit ihre Ruhe und ein Stück persönliche Freiheit]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Noch nie wohnten so viele Menschen in der Schweiz allein. In einer immer hektischeren Gesellschaft erkaufen sie sich damit ihre Ruhe und ein Stück persönliche Freiheit</span></p>
<p>Früher hätte man sie eine alte Jungfer geschimpft. Catalina Gerber hätte bei ihren Eltern oder einer Tante gewohnt – oder in einer ungeheizten chambre de bonne unterm Dach. Aber allein in dieser hellen Zweizimmerwohnung im Zürcher Kreis 3? Niemals. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wäre das für eine ledige 31-Jährige wie sie unmöglich gewesen.</p>
<p>Doch die Zeiten ändern sich. Noch nie wohnten so viele Schweizerinnen und Schweizer allein wie heute. 1,3 Millionen Einpersonenhaushalte zählen die Statistiker. In sechs von zehn wohnt eine Frau. Die größte soziale Revolution der letzten sechzig Jahre fand in den eigenen vier Wänden statt. Und das Alleinwohnen verändert das Land – nur wie?</p>
<p>Wir sitzen in der Küche an einem alten Holztisch. Erst vor wenigen Tagen ist Catalina Gerber in ihre neue Wohnung gezogen. Sie trägt ein schwarzes Oberteil und um den Hals ein gepunktetes Foulard, im Ohr stecken Perlen. Im Schlafzimmer flickt ein Handwerker die kaputte Zimmertür, und in der Stube stapeln sich die leeren Umzugskartons. 1.600 Franken Miete bezahlt die Sozialarbeiterin im Monat, das sind weniger als ein Drittel ihres Einkommens. Also weniger als der statistische Durchschnittsschweizer fürs Wohnen ausgibt. &#8220;Jetzt leiste ich mir das!&#8221;, hat sie sich gesagt. &#8220;Früher, da habe ich eher aufs Geld geschaut.&#8221; Sie sparte für ihre großen Reisen nach Afrika, nahm immer wieder unbezahlten Urlaub. Nun ist ihr das Wohnen wichtiger, sie hatte genug vom WG-Leben: &#8220;Immer diese Diskussionen um Sauberkeit und Putzen: Ich will keine Tupperware voller Schimmel oder den Schüttstein voller dreckigem Geschirr, wenn ich morgens aufstehe.&#8221;</p>
<p>Einpersonenhaushalte sind ein Wohlstandsphänomen. In der Schweiz machen sie 36 Prozent aller Haushalte aus, damit gehört das Land weltweit zu den Spitzenreitern; am häufigsten wohnen die Schweden allein. Aber auch in den Schwellenländern Brasilien, Indien oder China nimmt die Anzahl der sogenannten &#8220;Singletons&#8221; rasant zu. Sobald der Mensch es sich leisten kann, wohnt er allein. 1996 zählte die Welt 153 Millionen Einpersonenhaushalte, 2011 waren es bereits 277 Millionen.</p>
<p>Trotz Wohnungsmangel in der Stadt Zürich verlief für Catalina Gerber die Suche nach einer eigenen Bleibe problemlos. Eine Frau, kinderlos, die gut verdient – das wünscht sich jeder Vermieter. &#8220;Und ich war also wählerisch&#8221;, sagt sie. Es musste eine Wohnung im Stadtzentrum sein. Hier, wo ihre Freunde wohnen, wo sie sich mit ihnen nach der Arbeit in der hippen Bar Z am Park auf ein Bier treffen kann.</p>
<p>Wieso aber leben immer mehr Schweizer allein? Lange Jahre war für Soziologen die Sache klar: Die Zunahme der Einpersonenhaushalte ist ein Indiz für Vereinsamung, wir werden uns gegenseitig fremd und ziehen uns zurück. Die Kulturpessimisten unter den Wissenschaftlern fürchteten den Niedergang des Gemeinwohls und den Kollaps der Zivilgesellschaft. So dachte auch der amerikanische Soziologieprofessor Eric Klinenberg, bis er für sein 2012 erschienenes Buch Going Solo mit über 300 Alleinwohnenden sprach. Und sie lehrten ihn eines Besseren. &#8220;Allein sein macht nicht zwangsläufig einsam&#8221;, sagt Klinenberg heute (siehe Interview). Wer allein wohnt, geht mehr aus, er verlegt sein Sozialleben in Restaurants, Bars oder Clubs, in Vereine, Kirchgemeinden oder in den Beruf.</p>
<p>&#8220;Ja, ich bin gerne ab und zu allein&#8221;, sagt Catalina Gerber, die als Einzelkind bei ihrer Mutter aufwuchs: &#8220;Man muss keine Rücksicht nehmen.&#8221; Das muss sie tagsüber als Sozialarbeiterin schon genug. Immer sind da Menschen, immer will jemand etwas. &#8220;Da mag ich zu Hause nicht auch noch schwatzen&#8221;, sagt sie. &#8220;Dazu fehlt mir einfach die Energie.&#8221;</p>
<p>Alleinwohnende erkaufen sich ein Stück persönliche Freiheit. Zu Hause kann der Mensch ganz und gar bei sich sein. Das eigene Heim ist ein Fluchtort in einer hypervernetzten, ultraaktiven 24/7-Gesellschaft. Doch, das wusste schon der große französische Soziologe Émile Durkheim: Der Rückzug ist ein Auftanken, um neue Energie für die soziale Interaktion zu sammeln. Wir leben allein, weil wir so gut vernetzt sind. Selbst der amerikanische Vorzeige-Einsiedler und Schriftsteller Henry David Thoreau suchte die Einsamkeit in seiner Waldhütte nur, um später mit neuen Ideen in die Zivilisation zurückzukehren.</p>
<p>Auch Catalina Gerber nabelt sich nicht von ihrer Umwelt ab. Wie ein Drittel aller Alleinwohnenden ist sie nicht Single, seit einem Jahr hat sie einen Freund. Er ist sieben Jahre jünger als sie und steht kurz vor dem Abschluss seines Chemiestudiums. Als sie ihren Kolleginnen erzählte, sie habe eine neue Wohnung gefunden, fragten alle: &#8220;Bist du mit deinem Freund zusammengezogen?&#8221; Leise Enttäuschung schwang mit, als Catalina antwortete: &#8220;Nein, ich wohne nun allein.&#8221;</p>
<p>Obschon das Alleinwohnen heute die weit verbreiteste Wohnform in der Schweiz ist, widerspricht sie unseren Wertvorstellungen. Wer ohne Partner wohnt, gilt als beziehungsunfähiger Sonderling oder als bemitleidenswerter Single, der sich nichts sehnlichster wünscht, als endlich mit der Frau oder dem Mann fürs Leben zusammenzuziehen.</p>
<p>Einpersonenhaushalte machen den Städten zu schaffen – sie dünnen aus</p>
<p>Catalina Gerber denkt da anders: &#8220;Ich finde es lässig, wenn man beieinander Gast sein kann&#8221;, sagt sie. Ja, gibt sie unumwunden zu, da schwinge die Furcht vor zu viel räumlicher Nähe mit: &#8220;Das Zusammenwohnen ist ein Risiko für eine Beziehung. Die Romantik und der Sexappeal fallen weg. Ich will mir die Zeit mit meinem Freund nehmen, bewusst mit ihm abmachen, er soll nicht einfach da sein.&#8221;</p>
<p>Also, wie viel Nähe erträgt der Mensch? In der Schweiz immer weniger, das zeigen die Statistiken.</p>
<p>&#8220;Enges Land, großes Heim&#8221; – so lautet die Devise. Wir klagen über den Stau auf der Autobahn oder die fehlenden Sitzplätze in der S-Bahn, wir stören uns daran, dass uns der Nachbar ungehindert in die Küche schauen kann, weil er sein Haus so nah an das unsrige gebaut hat. Dafür leisten wir uns im Privaten immer mehr Raum. Wohnten die Schweizer im Jahr 1980 auf durchschnittlich gerade mal 34 Quadratmeter pro Kopf, so beanspruchen sie heute beinahe 50 Quadratmeter.</p>
<p>&#8220;Zu viel Nähe erzeugt Stress. Das ist wie bei Wildtieren.&#8221; Mit Schwung öffnet Christoph Schläppi die Tür zu seiner 90-Quadratmeter-Wohnung im Berner Länggass-Quartier. Luftige Räume, nur sparsam möbliert: &#8220;Alles gestrandete Zeugnisse meiner Biografie&#8221;, sagt Schläppi. An den Wänden hängt eine große Fotografie, im Schlafzimmer stehen eine Stereoanlage und ein Beamer. Das ist die Bleibe eines Junggesellen – denkt man. Und irrt. Der 47-Jährige lebt mit seiner Partnerin und deren 13- und 17-jährigen Kindern, die aus einer früheren Beziehung stammen, unter einem Dach. Aber, ja, gewohnt wird getrennt: Schläppi im ersten Stock, die Familie zwei Etagen höher: &#8220;In einer Partnerschaft braucht man diese Rückzugsmöglichkeiten, zu viel Nähe stellt riesige Anforderungen&#8221;, sagt der Schlacks mit den dünnen Haaren und der feinen Brille. &#8220;Wenn ich aus zehn verschiedenen Lebensformen auswählen müsste: Ich wüsste, dass meine für mich die ideale ist.&#8221;</p>
<p>Wer allein wohnt, muss sich heute nicht mehr zwischen Unabhängigkeit und Partnerschaft entscheiden. Man hat den Fünfer und das Weggli. Zeitgeistig, schimpfen das die einen. Clever, loben es andere, etwa der Soziologe John T. Cacioppo von der Universität Chicago. In seinen Studien über die Einsamkeit fand er heraus: &#8220;Zu wenig Zeit für sich selbst zu haben ist eine der häufigsten Klagen von Männern und Frauen, die in kriselnden Ehen leben.&#8221; Oder anders gesagt: Die eigene Wohnung kittet die Beziehung.</p>
<p>Christoph Schläppi wollte nicht unbedingt Kinder, aber nun, da er zwei habe, sei das &#8220;etwas Lässiges&#8221;. Zumal, wenn sich die Zeit mit der Familie dosieren lasse. &#8220;Gestern guckten wir bei mir noch den Tatort – und später, als die Kinder ins Bett mussten, habe ich noch etwas gearbeitet&#8221;, sagt er: &#8220;Hier habe ich meine Ruhe.&#8221; Für den selbstständigen Architekturhistoriker, der in Biel, Lausanne, Zürich arbeitet und in Winterthur unterrichtet, ist die Wohnung aber mehr als ein Ort zum Wohnen. &#8220;Klar, für eine Person ist sie eigentlich viel zu groß&#8221;, sagt Schläppi. Er weiß, er braucht fast doppelt so viel Wohnfläche wie der Durchschnittsschweizer, schließlich ist das Nachdenken übers Bauen und Wohnen sein Beruf. Aber bei ihm zu Hause wird gelebt und gearbeitet, hier trifft er sich zu Sitzungen – oder mit Freunden zum Essen. &#8220;Ich mache keinen Fetisch aus meiner Wohnung, das ist ein halb öffentlicher Raum.&#8221;</p>
<p>Trotzdem: Einpersonenhaushalte sind Raumfresser, und der gestiegene Wohnflächenbedarf macht vor allem den Städten zu schaffen – in Zürich, Bern, Basel, Genf und Lausanne wohnt bereits in mehr als der Hälfte aller Haushalte nur noch ein Mensch. Das führt dazu, dass die Städte ausdünnen. Zum Beispiel die Stadt Zürich: 1962 wohnten dort 441.000 Menschen, die im Schnitt zu dritt in einer Wohnung lebten, 2012 zählten die Statistiker noch 394.000 Einwohner, die allerdings unterm Strich mehr Platz brauchten, weil sich nur noch 1,84 Personen eine Bleibe teilten. Und wer als Singleton eine kleinere Wohnung sucht, wird kaum fündig, denn die Grundrisse der meisten Neubauten entsprechen nach wie vor den Bedürfnissen von klassischen Familien: mit Eltern- und Kinderzimmer.</p>
<p>Alleinwohnende engagieren sich häufiger in einem Ehrenamt</p>
<p>&#8220;Ich weiß, meine Wohnung ist ein riesiges Privileg&#8221;, sagt Christoph Schläppi. Als er sie vor zehn Jahren kaufen konnte, war sie ihm auch zu groß, weshalb er sie an eine Familie mit zwei Kindern vermietete: &#8220;Die brauchten den Platz eher als ich.&#8221; Selber mietete er sich eine kleinere Wohnung im gleichen Haus. Doch Vermieter zu sein macht vor allem Ärger. &#8220;Ich mochte diese Rolle nie.&#8221; Also zog er, als sich die Gelegenheit bot, selber in den ersten Stock.</p>
<p>Wenn er nicht auf Achse ist, lebt Christoph Schläppi ein Leben der kurzen Wege. &#8220;Das Haus ist mein Lebensmittelpunkt&#8221;, sagt er. &#8220;Wenn ich alt bin, sitze ich wie ein Löli an diesem Fenster und beobachte das Tun auf der Straße.&#8221; Das Länggass-Quartier ist ein Dorfidyll, das sich als Stadt tarnt. Zahlreiche Cafés, ein Schuhmacher, eine Bäckerei – alles liegt in Gehdistanz. Auf dem Parkplatz neben Schläppis Haus stehen zwei Mobility-Autos, und am Bahnhof Bern ist er zu Fuß in einer Viertelstunde. Das spart Zeit und lässt Freiheiten. Seit Jahren engagiert sich Schläppi, wie dies statistisch überdurchschnittlich viele Singletons tun, in Ehrenämtern: sei es im Schweizer Heimatschutz oder als Präsident der Segelfluggruppe Bern.</p>
<p>Catalina Gerber und Christoph Schläppi haben das Alleinsein gesucht. Die meisten Schweizerinnen jedoch machte das Schicksal zu Singletons – sie sind verwitwete Frauen.</p>
<p>Eine von ihnen ist Anna Borner. Seit vier Jahren wohnt sie allein in ihrer Dreizimmerwohnung am Zürichberg. Seit dem Tag, es war Heiligabend, als Guido starb. Über dem Bett hängen noch die alten Fotos von ihm, darüber ein Rosenkranz. Vergessen, nein, das würde Anna Borner ihren Mann nie. Keinen Tag lang. &#8220;Es ist eine kolossale Umstellung, wenn man plötzlich allein ist&#8221;, sagt sie, stockt kurz, und fügt nach einer Pause an: &#8220;Für mich stimmt es aber.&#8221;</p>
<p>Aufrecht sitzt die vife 83-Jährige mit graublonder Dauerwelle und Brille auf dem blauen Ledersofa. Der süßliche Geruch in der Wohnung erinnert den Besucher an die eigenen Großeltern. Auf dem Boden liegt ein Isfahan-Teppich, im Bücherregal stehen die Fotoalben der gemeinsamen Reisen auf alle Kontinente: nach China, in die USA, nach Italien oder ins südliche Afrika. &#8220;Ja, ja, heißa, das waren Zeiten!&#8221;</p>
<p>Aufgewachsen ist Anna Borner als Bauerntochter in Merenschwand im Aargauer Freiamt. Fischli, wie sie ihre Jugendfreundinnen rufen, war das älteste von zehn Kindern. &#8220;Ich habe mir nie überlegt, wie es ist, wenn ich allein bin&#8221;, sagt sie, denn immer war sie unter Menschen: erst die neun Geschwister, dann die Familie, bei der sie als junge Telefonistin zur Untermiete wohnte, später Guido und die vier Kinder. Doch hat sie immer gehofft, nicht vor ihrem Mann zu sterben: &#8220;Wir hatten es supergut. Aber er war schon sehr auf mich fixiert&#8221;, sagt Anna Borner. Ihr Mann ging nicht allein unter die Leute, nur seinen wöchentlichen Spaziergang, auf den Üetliberg und rüber zur Felsenegg, unternahm er ohne seine Anni. Sie hingegen traf sich mit ihren Freundinnen, engagierte sich in der Kirchgemeinde – und als eines Tages, die Kinder waren schon etwas älter, eine ehemalige Arbeitskollegin anrief, bei der Telefonauskunft der PTT sei Not an der Frau, da sagte Anna ihrem Mann kurz und knapp: &#8220;Du, ab Montag gehe ich wieder arbeiten.&#8221; Das tat sie bis zur Pensionierung.</p>
<p>Auch ältere Menschen, die allein wohnen, pflegen gute Kontakte</p>
<p>Frauen wie Anna Borner wird es in Zukunft immer mehr geben, sie sind eine Folge des demografischen Wandels. Während vor hundert Jahren die greisen Eltern auf ihre alten Tage bei ihren Kindern ins Stöckli zogen, leben sie heute allein. 43 Prozent der Schweizer Senioren über 80 wohnen heute in einem Einpersonenhaushalt; nicht einmal halb so viele leben in einem Heim. Doch Untersuchungen des Schweizer Altersforschers François Höpflinger zeigen: Die große Mehrheit älterer Menschen hat gute Kontakte zu Angehörigen, Freunden oder Nachbarn.</p>
<p>&#8220;Man darf Freundschaften aber nicht erst pflegen, wenn man allein ist&#8221;, sagt Anna Borner. Letzte Woche hat sie an einem Jassnachmittag für drei Dutzend Senioren gekocht: &#8220;Die Kassiererinnen in der Migros fragten mich schon: ›Haben Sie eigentlich ein Hotel?‹&#8221; Jeden Dienstagabend ist sie mit ihrem erwachsenen Enkel im Restaurant Desperado zum Essen verabredet, und bald geht sie mit einer 94-jährigen Kollegin auf eine Schiffsreise in der Camargue: &#8220;In meinem Alter muss man aufpassen, dass man nicht versimpelt.&#8221;</p>
<p>Nein, einsam ist Anna Borner nie. &#8220;Ich habe immer so viel los&#8221;, sagt sie. Trotzdem, seit dem Tod ihres Mannes fühlt auch sie sich manchmal allein. Ihre gemeinsamen Rituale verblassten, etwa das Frühstück: Café complet, mal etwas Käse oder ein Ei. &#8220;Heute geht das schnell, schnell&#8221;, erzählt sie. Znacht isst sie sogar manchmal vor dem Fernseher, was sie früher nie gemacht hätte. &#8220;Und als ich das erste Mal den Staubsaugersack wechseln wollte, fluchte ich: Guido, du lässt mich im Stich!&#8221;</p>
<p>Doch das Alleinwohnen ist Anna Borner zu einem Stück Freiheit geworden, das sie nicht mehr hergeben möchte: &#8220;An einer neuen Bindung bin ich nicht interessiert. Und in eine Alterswohnung ziehen, nein, lieber nicht.&#8221;</p>
<p>Ja, Anna Borner ist allein – und glücklich.</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/21/alleine-wohnen-schweiz"><em>…weiter</em></a></p>
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		<title>»Allein wohnen macht nicht einsam«</title>
		<link>http://www.matthiasdaum.ch/interview-eric-klinenberg-going-solo/</link>
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		<pubDate>Wed, 22 May 2013 06:37:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Architektur]]></category>
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		<description><![CDATA[Was passiert, wenn immer mehr Menschen allein wohnen? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Soziologen Eric Klinenberg, Autor des Buchs "Going Solo"]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Was passiert, wenn immer mehr Menschen allein wohnen? Ein Gespräch mit dem amerikanischen Soziologen Eric Klinenberg, Autor des Buchs &#8220;Going Solo&#8221;</span></p>
<p><strong>DIE ZEIT:</strong> Professor Klinenberg, macht Alleinwohnen einsam?</p>
<p><strong>Eric Klinenberg:</strong> Alleinwohnen und Einsamkeit sind zwei völlig verschiedene Dinge, die wir aber häufig verwechseln. Wir nehmen an, wer allein wohnt, der sei zwangsläufig einsam oder sogar vereinsamt. Doch dafür gibt es keine Belege. Klar, es gibt Leute, die allein leben und sich einsam fühlen, das würde ich nie bestreiten. Aber viele der 300 Leute, die ich für mein Buch befragte, sagten mir: &#8220;Es gibt kaum etwas Einsameres, als in einer schlechten Beziehung zu leben.&#8221;</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Hat Sie diese Antwort überrascht?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Aus eigener Erfahrung wusste ich es. (lacht) Jeder, der das Auseinanderfallen einer Beziehung mal erlebt hat, weiß, wie einsam man sich dabei fühlt. Gleichzeitig sind die meisten von uns im Glauben aufgewachsen, die Familie sei die beste Art zu leben. Auch in den Filmen und Fernsehserien wird die good marriage verklärt: Eine Ehe verspricht ökonomische und gesundheitliche Sicherheit und Zufriedenheit. Aber wir wissen, dass viele Leute in ihrer Ehe nicht glücklich werden.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Wieso tun wir uns denn so schwer damit, dass immer mehr Menschen allein wohnen?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Der Mensch lebt seit je in Gruppen. Es ist sehr neu und sehr seltsam, dass so viele Menschen allein wohnen. Das ist der größte soziale Wandel in den letzten 60 Jahren. Und Veränderungen haben immer etwas Furchteinflößendes. Wir haben eine fixe Idee davon, was ein erfolgreiches Leben ausmacht. Da herrscht auch ein großer sozialer Druck von Freunden und Familien. Wer nicht heiratet, fühlt sich verurteilt von seiner Umwelt.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Ist das nicht widersprüchlich, dass wir im Zeitalter des Individualismus noch an die Zweierkiste glauben?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Das ist eben der Unterschied zwischen der Norm und der Normalität. Unsere Meinungen und Werthaltungen hinken unserem Verhalten hinterher. Wobei sich bereits viel getan hat. Vor 60 Jahren waren Singles oder Alleinwohnende stigmatisiert. Die meisten Amerikaner dachten, die seien entweder krank, neurotisch oder sogar unmoralisch. Heute denkt das niemand mehr. Aber die USA waren auch puritanischer als Europa.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> In der Schweiz galt in einigen Kantonen bis 1995 das Konkubinatsverbot. Heute hat das Land einen der höchsten Anteile an Einpersonenhaushalten weltweit. Wie kommt das?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Das liegt zum einen an der erhöhten wirtschaftlichen Sicherheit und dem Ausbau des Sozialstaats. Dies führt dazu, dass wir nicht mehr auf die Einkommen eines Partners oder einer Partnerin angewiesen sind. Zum anderen war der Eintritt der Frauen in den Arbeitsmarkt eine Zäsur. Erst dadurch waren Frauen nicht mehr auf ihre Männer angewiesen. Das hatte auch einen Einfluss auf die Art und Weise der Familiengründungen. Wenn Frauen arbeiten, steigt das Heiratsalter, dann steigen die Scheidungsraten, und die Menschen bleiben geschieden – oder für längere Zeit allein. Zum Dritten war da die Kommunikationsrevolution. Mit Handys, Skype und Twitter kann man allein zu Hause sein und ist doch ständig mit der ganzen Welt verbunden.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Unsere Gesellschaften werden durch das Alleinwohnen also nicht atomisiert?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Nein, das Gegenteil ist der Fall. Es ist unsere Interdependenz, die unsere Unabhängigkeit ermöglicht. Weil wir solch starke soziale Bande haben, können wir es uns sozial und wirtschaftlich leisten, allein zu leben.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Die Schweden leben weltweit am häufigsten allein. Ist das kulturell bedingt?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Nein, das liegt eher an den politischen Bedingungen als an den kulturellen Unterschieden. Ein gut ausgebauter Sozialstaat versorgt die Menschen mit dem, was sie brauchen für ein anständiges Leben, egal, ob sie allein oder mit jemandem anders leben. Nehmen Sie die USA, wo ich lebe: Wir kennen zwar viel Wohlstand, aber auch viel Unsicherheit. Es ist in Amerika immer noch ein Risiko, ohne Partner zu leben.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Trotzdem sind die Singles und Alleinwohnenden in der Politik kaum je ein Thema. Ganz im Gegensatz zu den Familien.</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Es gibt Diskussionen darüber, wie man mit den Abermillionen älteren Menschen umgeht, die allein leben. Da ist die Politik gefordert. Aber es ist für mich nicht ersichtlich, wieso sich die Politiker um die anderen Alleinwohnenden kümmern sollten. Klar, dass immer mehr Menschen allein leben, beeinflusst das Sozialleben in den Städten, ihre Immobilienmärkte und ihre Wirtschaft&#8230;</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Sie sehen hier keinen Handlungsbedarf?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Wir müssen eher unsere Werte à jour bringen, damit sie wieder unseren Lebensweisen entsprechen. Als ich mit meinem Buch auf Lesetour war, kamen viele Eltern zu mir und sagten, sie verstünden die Leben ihrer Kinder nicht mehr. Die dachten, ihre Kinder seien Versager, weil sie mit über 30 Jahren noch immer Single waren und allein wohnten. Mehr Grundverständnis für verschiedene Lebensformen wäre also durchaus sinnvoll.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> In Ihrem Buch Going Solo. The Extraordinary Rise and Surprising Appeal of Living Alone nennen Sie den Boom des Alleinwohnens ein soziales Experiment. Wie geht das Experiment aus?</p>
<p><strong>Klinenberg:</strong> Das wissen wir vielleicht in 50 Jahren. Schon heute können wir aber sagen: Es ist sicher keine katastrophal schlechte Entwicklung. Denn der Anstieg des Alleinwohnens geht einher mit einer Zunahme der sozialen Interaktion. Die Frage ist aber, ob Alleinwohnen ökologisch nachhaltig ist. Das wissen wir noch nicht, es fehlen uns die Zahlen. Aber vielleicht erleben wir in Europa auch bald ein Ende des Booms der Einpersonenhaushalte – je nachdem, was mit den europäischen Wohlfahrtsstaaten passiert. Wenn man als junger Mensch schreckliche Wirtschaftsaussichten vor Augen hat, wie etwa in Italien, dann kann man sich gar keine eigene Wohnung mehr leisten.</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/21/eric-klinenberg-going-solo"><em>…weiter</em></a></p>
<p style="text-align: left;"><span style="font-size: x-small;">Bild: <a href="http://media.smithsonianmag.com/images/Interview-Eric-Klinenberg-631.jpg">Smithsonian Institute</a></span></p>
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		<title>Das Geheimpapier</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 19:41:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Verwaltung]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Zürich]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Uni Zürich muss ihren Sponsoringvertrag mit der UBS offenlegen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die Uni Zürich muss ihren Sponsoringvertrag mit der UBS offenlegen.</span></p>
<p>Es ist eines der spektakulärsten Universitätssponsorings der Schweiz. 100 Millionen Franken schenkt die Großbank <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/organisationen/ubs/index" target="_blank">UBS</a> der Universität Zürich (UZH) über die nächsten zehn Jahre. Im April 2012 wurde diese Partnerschaft bekannt. Mit dem Geld wird unter Führung des Verhaltensökonomen Ernst Fehr das UBS International Center of Economics in Society aufgebaut.</p>
<p>Doch die Sache hat einen Haken. Die Details des Deals zwischen der Hochschule und der UBS waren geheim. Bis heute. Ende April hat die Rekurskommission der Zürcher Hochschulen entschieden: Die Universität Zürich (UZH) muss den Vertrag mit der UBS offenlegen, zumindest in einer eingeschwärzten Version.</p>
<p>Wie kam es dazu? Die Verantwortlichen von Hochschule und Bank betonten immer, die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre sei gewährleistet. Doch Zweifel blieben, und die <em>ZEIT</em> wollte es genauer wissen. Zusammen mit der <em>WoZ</em> stellte sie im vergangenen Juni ein Gesuch auf Einsicht in den Vertrag zwischen der Universität und der Großbank; sie stützte sich dabei auf das kantonale Informations- und Datenschutzgesetz.</p>
<p>Die Uni Zürich lehnte das Einsichtsgesuch der <em>ZEIT</em> zunächst ab. Der Rektor Andreas Fischer schrieb: &#8220;Würde die UZH gezwungen, ihre Verträge mit Privaten der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hätte dies zur Folge, dass diejenigen potentiellen Spender, Erben oder Sponsoren, denen an berechtigter Anonymität und Geheimhaltung ihres Engagements gelegen ist, die UZH nicht mehr berücksichtigen würden.&#8221; Erst nach Rücksprache mit der Bank publizierte die Hochschule die Passagen, welche die Wahrung der akademischen Freiheiten betreffen. Der <em>ZEIT</em> reichte dies nicht, sie legte dagegen Rekurs ein. Mit Erfolg. &#8220;Das Interesse der Universität, Vereinbarungen mit Schenkern oder Spendern geheim zu halten mit dem Ziel, gute Voraussetzungen für mögliche spätere Spenden zu schaffen&#8221;, schreibt die Rekurskommission in ihrem Beschluss, &#8220;ist nur mit Zurückhaltung höher zu gewichten als der verfassungsmässige Anspruch auf Informationszugang.&#8221;</p>
<p>Dass die Universität nun den gesamten Vertrag offenlegen muss, schafft einen Präzedenzfall, der über den Kanton Zürich hinauswirken wird.</p>
<p>Die Diskussion über die Risiken des <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2013/10/Uni-Sponsoring-Schweiz-Analyse" target="_blank">privaten Hochschulsponsorings</a> hat nämlich erst begonnen. Zurzeit sind mehrere ähnliche Einsichtsgesuche in geheime Verträge zwischen Universitäten und Firmen bei den zuständigen Amtsstellen hängig. Im Zürcher Kantonsrat wurde eine parlamentarische Initiative eingereicht; sie fordert die Offenlegung sämtlicher Verträge zwischen der Universität und Dritten, die sich finanziell an der Universität beteiligen. Und Ende Februar wehrten sich 29 Professoren und Autoren mit dem sogenannten Zürcher Appell gegen den Einfluss des privaten Sponsorings an den Universitäten.</p>
<p>Was aber steht nun im Vertrag zwischen der Uni Zürich und der UBS?</p>
<p>Auf dem Papier scheint die Unabhängigkeit von Forschung und Lehre gewahrt. Umso sonderbarer mutet die Geheimniskrämerei der Universität an. Eine Erklärung dafür liefern die geschwärzten Stellen des Vertrags. Vor einigen Wochen sagte Ernst Fehr im Interview mit der <em>ZEIT:</em> &#8220;Was wir nicht veröffentlichen können, ist, wie viel die Sponsoren im Detail für einen Lehrstuhl hinblättern. Dann wird der eine Spender eifersüchtig auf den anderen.&#8221; Es ist anzunehmen, dass sich diese Angaben hinter den schwarzen Balken verbergen. Über deren Offenlegung entscheidet die Rekurskommission in einigen Wochen.</p>
<p>Die Publikation der Verträge zwischen Sponsoren und Hochschulen ist aber nur ein Anfang. Um Interessenkonflikte in Zukunft möglichst zu vermeiden, sollten Firmen nur die Universität und nicht einzelne Institute oder Lehrstühle sponsern dürfen. Die Uni-Leitung würde ihrerseits bestimmen, was mit dem Geld passiert. Das wäre echte akademische Freiheit.</p>
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		<title>Kriege enden. Auch dieser?</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 19:34:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Afghanistan]]></category>
		<category><![CDATA[Afrika]]></category>
		<category><![CDATA[Diplomatie]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Gesundheit]]></category>
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		<description><![CDATA[Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss kämpft weltweit für ein Ende des Kriegs gegen Drogen]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss kämpft weltweit für ein Ende des Kriegs gegen Drogen</span></p>
<p>Im 7. Stock eines schlichten Wohnblocks im Genfer Pâquis-Quartier öffnet eine kleingewachsene 73-Jährige die Tür zu ihrer mit Büchern vollgestellten Wohnung: Ruth Dreifuss, ehemalige Bundesrätin. Die Grande Dame der Schweizer Sozialdemokratie.</p>
<p>Seit 15 Jahren wohnt Dreifuss im Pâquis, mittendrin im Leben statt hinterm Gartenzaun am Villenhügel. Hier fühlt sie sich zu Hause. Denn für das Leben kämpft sie zeitlebens. Nicht für ihres, sondern um jenes der anderen. In der ehemaligen Gewerkschafterin glüht der heilige Zorn über die Ungerechtigkeit in der Welt. &#8220;Die Katze kann das Mausen nicht lassen&#8221;, sagt sie lachend. &#8220;Es geht immer um Leben und Tod.&#8221;</p>
<p>Nun zieht sie in den Kampf gegen die Macht der Drogen – mit der 2011 gegründeten Weltkommission für <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/drogenpolitik/index" target="_blank">Drogenpolitik</a>.</p>
<p>Darin sitzen neben der Altbundesrätin die ehemaligen Präsidenten von Brasilien, Mexiko und Kolumbien, dazu <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/personen/kofi-annan/index" target="_blank">Kofi Annan</a>, einst UN-Generalsekretär, der frühere EU-Außenbeauftragte Javier Solana und George Shultz, US-Außenminister unter <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/personen/ronald-reagan/index" target="_blank">Ronald Reagan</a>, sowie der Milliardär Sir Richard Branson.</p>
<p>Das lose Grüppchen Ehemaliger will nichts Geringeres als den längsten Krieg des 20. Jahrhunderts beenden – <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2012/16/Drogenkrieg" target="_blank">den <em>war on drugs</em></a>.</p>
<p>&#8220;Die verzweifelte Lage stimmt mich optimistisch&#8221;</p>
<p>Es war im Jahr 1971, als US-Präsident <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/personen/richard-nixon/index" target="_blank">Richard Nixon</a> den Drogen den Krieg erklärte. 15 Prozent seiner Soldaten kehrten als Junkies aus dem Dschungelkrieg in Vietnam nach Amerika zurück. War der &#8220;Krieg&#8221; anfänglich eine Metapher, wurde er bald zur blutigen Realität. Es begann eine weltweite Hatz auf alle, die mit Drogen in Berührung kamen. Egal ob Kokabauern, Kleindealer, Süchtige oder Drogenbarone. Immer nach der moralistischen Maxime: Was nicht gut ist, das darf nicht sein.</p>
<p>Die Folgen dieser 40 Jahre dauernden Politik sind katastrophal – und sie dringen in alle Poren der Gesellschaft.</p>
<p>Weltweit sitzen Abermillionen Menschen für Drogendelikte im Gefängnis. Hunderttausende erleiden dort einen kalten Entzug. Hunderte werden für ihre Taten hingerichtet, erschossen oder geköpft. Zehntausende sterben bei Militäraktionen und Schießereien. Millionen von Drogenabhängigen erhalten keine ausreichende medizinische Betreuung. &#8220;Man glaubt, mit Zwang und Verboten erreiche man eine Welt ohne Drogen und eine Menschheit ohne Sucht&#8221;, sagt Ruth Dreifuss. &#8220;Doch das funktioniert nicht.&#8221; Stattdessen findet man heute &#8220;kollabierte Staaten&#8221; nicht mehr nur am Hindukusch oder am Horn von Afrika, nein, auch in Guatemala oder El Salvador kontrolliert die Drogenmafia gegen 40 Prozent des Staatsgebiets. In Mexiko haben die Kartelle über 70 Prozent der Kommunen unter ihrer politischen Kontrolle. Und der offene Krieg rückt immer näher an Europa. Guinea-Bissau ist der erste Narco-Staat in Afrika, das Land ist der Umschlagplatz für das <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/kokain/index" target="_blank">Kokain</a> auf dem Weg von Lateinamerika nach Europa. &#8220;Das Schwierigste für eine Regierung ist es, wenn sie zugeben muss, dass sie machtlos ist&#8221;, sagt Ruth Dreifuss. &#8220;Und das ist sie, wenn sie die Menschen zu ihrem Glück zwingen will.&#8221;</p>
<p>Deshalb fordert die Weltkommission für Drogenpolitik ein radikales Umdenken. Drogenkonsumenten sollen nicht länger kriminalisiert, ausgegrenzt und stigmatisiert werden. Wer frische Spritzen oder Therapien braucht, soll diese kriegen; nur so lassen sich Infektionskrankheiten eindämmen. Der Staat soll versuchsweise den Drogenmarkt regulieren und damit die Macht des organisierten Verbrechens brechen; so wie dies bei Tabak und Alkohol längst üblich ist. Und die Polizei soll nicht länger &#8220;Chügelidealer&#8221; jagen, sondern sich den Hintermännern widmen.</p>
<p>Wir sitzen am Esstisch, der mit Akten und Unterlagen übersät ist. Dreifuss spricht mit ihrer sanften Stimme, die manch politischen Gegner zur Verzweiflung bringt. Weil in dieser Ruhe so viel Bestimmtheit liegt. Und weil die Kämpfe der Ruth Dreifuss zwar aussichtslos scheinen – aber nur für jene, die nicht ihren langen Horizont vor Augen haben. &#8220;Ich gebe mich nie geschlagen&#8221;, sagt sie. Keine Frage, sie meint das ernst. In ihrem Alter, da sind andere längst in Rente und genießen das Leben. Auch Ruth Dreifuss hat zurückbuchstabiert, vor unserem Gespräch hat die Großtante noch ihre &#8220;Enkel&#8221; gehütet. Doch die Unruhe ist stärker.</p>
<p>Wieso aber soll ausgerechnet eine ehemalige Schweizer Bundesrätin diese globale Misere beenden? Weil sie im Kleinen geschafft hat, wovon die Welt träumt: Dank ihr kriegte die Schweiz das Drogenproblem in den Griff.</p>
<p>Es war eine turbulente Zeit, als Ruth Dreifuss 1993 in den Bundesrat gewählt wurde. Vor dem Bundeshaus forderten Tausende Demonstranten eine Frau in der Regierung. Derweil setzten sich im nahen Berner Kocherpark oder auf dem Platzspitz in Zürich Drogenabhängige in aller Öffentlichkeit ihren Schuss Heroin. Der <em>needle park</em> wurde weltberühmt. &#8220;Es herrschte blanke Angst. Angst um das Leben der Leute, Angst vor der damals noch tödlichen <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/aids/index" target="_blank">AIDS</a>-Epidemie&#8221;, sagt Ruth Dreifuss. Die Sichtbarkeit des Elends rief nach neuen Lösungen. Und die Schweiz wurde zum weltweiten Pionier einer fortschrittlichen Drogenpolitik. Polizei und Sozialarbeiter arbeiteten eng zusammen, Süchtige wurden nicht mehr nur weggejagt, sondern betreut. Der Staat gab erst saubere Spritzen, dann Methadon und schließlich sogar Heroin an die Süchtigen ab. Dazu agierte die Gesundheitsministerin Dreifuss auch mal am Rande der Legalität – und kassierte dafür Kritik von den UN.</p>
<p>Das alles geschah nicht aus Ideologie, sondern aus Pragmatismus, die Zustände waren schlicht unerträglich. Ruth Dreifuss erzählt, wie sie damals den direkten Kontakt mit Drogenabhängigen suchte, mit ihren Familien, mit Schwulen, mit Prostituierten. &#8220;Wir haben gelernt, dass Randgruppen vertrauenswürdige Partner sein können, wenn man ihnen Vertrauen schenkt&#8221;, sagt sie. &#8220;Man muss auf den Überlebenswillen dieser Menschen setzen.&#8221;</p>
<p>Diese Erfahrung will sie nun in die Weltkommission für Drogenpolitik einbringen. Ihre Botschaft lautet: Drogenpolitik ist Sozialpolitik. &#8220;Wir müssen die Menschen, die im Griff der kriminellen Organisationen sind, die ihre Sucht ausbeuten, aus diesem Griff lösen.&#8221;</p>
<p>Doch wird die Vortragsreisende Ruth Dreifuss mit ihrer Überzeugungsarbeit und den Berichten ihrer illustren Kommission am Elend der Abermillionen tatsächlich etwas ändern? Sie ist zuversichtlich. Zuversichtlicher als die Protagonisten in ihrer liebsten TV-Serie <em><a href="http://www.zeit.de/kultur/film/2010-11/the-wire-dvd" target="_blank">The Wire</a>,</em> die vom Drogenhandel in der amerikanischen Stadt Baltimore erzählt. In einer der ersten Folgen sitzen drei Polizisten in ihrem Großraumbüro und lassen den Tag Revue passieren:</p>
<p>– &#8220;Wir bekämpfen den <em>war on drugs&#8230;</em> ein Kapitalverbrechen nach dem anderen.&#8221;</p>
<p>– <em>&#8220;Girl,</em> denk nicht mal daran, diesen Scheiß einen Krieg zu nennen.&#8221;</p>
<p>– &#8220;Wieso nicht?&#8221;</p>
<p>– &#8220;Kriege enden.&#8221;</p>
<p>In ihrer Wohnung mit Blick auf den Genfer Jet d’eau meint Ruth Dreifuss: &#8220;Damit sich in der Politik etwas ändert, braucht es eine gewisse Verzweiflung. An diesem Punkt sind wir nun angekommen. Und diese verzweifelte Lage stimmt mich optimistisch.&#8221; Tatsächlich ändert sich etwas. Auch bei den Mächtigsten. Am Amerika-Gipfel im kolumbianischen Cartagena wurde im April 2012 über Alternativen zum <em>war on drugs</em> diskutiert. In Lateinamerika oder Westafrika, wo die Kriminalisierung der Drogenabhängigen zu riesigen Gesundheits- und Sicherheitsproblemen für die gesamte Bevölkerung führt, überdenken die Regierungen ihr Tun. &#8220;Und die Vereinten Nationen fühlen sich vermehrt den Menschenrechten verpflichtet, die so oft im Krieg gegen die Drogen geopfert werden&#8221;, sagt Dreifuss.</p>
<p>Ihr Ziel ist das Jahr 2016. Dann findet der nächste Drogen-Gipfel der UN statt, dann sollen die Weichen für eine neue weltweite Drogenpolitik gestellt werden. Die Organisation, die noch Ende der neunziger Jahre ihre Mitglieder dazu anhielt, für eine drogenfreie Welt zu kämpfen, soll endlich einsehen: Diese Vision ist ein Albtraum.</p>
<p>Dafür nimmt Ruth Dreifuss einiges auf sich. In den letzten Monaten war sie in Mexiko, auf Barbados, nächstens fliegt sie nach Vilnius und nach Florenz. Wieso tut sie sich das in ihrem Alter noch an? &#8220;Wir sind alle auf der Suche nach dem Glück, und mich macht nun mal das Kämpfen glücklich.&#8221;</p>
<p>&#8220;Kiffen und Saufen sind dumm. Aber Dummheit ist kein Verbrechen&#8221;</p>
<p>Persönlich hat Ruth Dreifuss kein Faible für Drogen. Im Gegenteil. &#8220;Kiffen und Saufen sind dumm&#8221;, sagt sie. &#8220;Aber sie sind nun mal eine menschliche Realität – zudem ist Dummheit kein Verbrechen.&#8221; Ihr selbst mache der Kontrollverlust Angst. Nur einmal nahm sie härtere Drogen, das Halluzinogen Psilocybin, im Rahmen eines Experiments zur Erforschung von Psychosen. &#8220;Diese Erfahrung lehrte mich einen höllischen Respekt vor Drogen&#8221;, sagt Dreifuss. &#8220;Sie verrücken die Wahrnehmung der Welt.&#8221;</p>
<p>Sie aber will mit klarem Blick auf die Welt schauen – auch wenn das Gesehene ernüchtert. Etwa die exorbitanten Gewinne, die der Kokainhandel verspricht. Was ist dagegen zu tun? Ruth Dreifuss stockt. Das erste Mal an diesem Vormittag. <em>&#8220;Next question, please.&#8221;</em> Nach einer Pause meint sie: &#8220;Wir brauchen eine Regulierung des Markts. Aber dieses Thema gehe ich mit sehr viel Respekt an.&#8221; Sie weiß, einfache Lösungen gibt es keine. Heroin, das konnte man als Medikament behandeln. Aber Kokain? Da hält der Flash nur kurz an, und Süchtige brauchen ihn bis zu dreißigmal am Tag. Dann sagt sie: &#8220;Trotzdem müssen wir auch hier mehr experimentieren.&#8221; Mögliche Lösungen müssten sorgfältig geprüft und wissenschaftlich beurteilt werden. &#8220;Aber&#8221;, sagt Dreifuss, &#8220;ein Medikament hat immer eine Nebenwirkung, wenn es keine hat, dann hat es auch keine Wirkung. Dasselbe gilt auch für die Politik.&#8221;</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/19/ruth-dreifuss-drogenkrieg/komplettansicht"><em>…weiter</em></a></p>
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		<title>Wie geht Demokratie?</title>
		<link>http://www.matthiasdaum.ch/wie-geht-demokratie/</link>
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		<pubDate>Wed, 01 May 2013 07:45:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ausland]]></category>
		<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Reportage]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Neun Mongolen auf Bildungsreise in der Schweiz. Matthias Daum hat sie begleitet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Neun Mongolen auf Bildungsreise in der Schweiz. Matthias Daum hat sie begleitet.</span></p>
<p>Drei Tage sitzen sie schon im kleinen Seminarraum. 16 Stunden lang haben sie zugehört, diskutiert, sich Notizen gemacht und mit ihren Handys Fotos geknipst. Nun aber wollen die neun Mongolen und ihre Übersetzerin nur noch eins: ab nach Zürich an die Bahnhofstraße zum Shopping.</p>
<p>In die Schweiz geflogen sind sie jedoch nicht der teuren Uhren wegen; die kriegt man auch in der staubigen Steppenmetropole Ulan Bator. Nein, die Beamten, die Berater, die Uni-Professoren und die Thinktank-Leiter wollen hier Demokratie lernen – im Städtchen Aarau, am <a title="externer Link" href="http://www.zdaarau.ch/de/index.php" target="_blank">Zentrum für Demokratie</a> (ZDA).</p>
<p>Auf diese Bildungsreise geschickt hat sie ihr Präsident Tsachiagiin Elbegdordsch. 2011 war Elbegdordsch selbst in Aarau zu Gast. &#8220;Ich möchte dem Volk mehr direkte Macht geben&#8221;, sagte der Präsident damals. Die Schweizer waren entzückt. Endlich ein Staatsmann, der erkannte, dass nur ein Weg ins Paradies führt: die <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/direkte-demokratie/index" target="_blank">direkte Demokratie</a>.</p>
<p>Doch sie sollten sich wundern, was man unter &#8220;direkter Demokratie&#8221; alles verstehen kann.</p>
<p>Denn die <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/orte/mongolei/index" target="_blank">Mongolei</a> und die Schweiz haben nicht viel gemeinsam. Das beginnt bei der Geografie. Hier ein dicht besiedelter Kleinstaat, eines der reichsten Länder der Welt. Dort, im Fernen Osten, eine fast menschenleere Landmasse, eingeklemmt zwischen den Großmächten Russland und China. Hier ein stabiles politisches System. Dort eine Gesellschaft im Umbruch. Politisch blockiert, da sich die ehemals kommunistischen Kader noch immer an den Schaltstellen der Macht festkrallen – die Mongolei war bis 1989 ein Vasallenstaat der Sowjetunion.</p>
<p>Gleichzeitig boomt die Wirtschaft. Im Süden, in der Wüste Gobi, sollen die größten unberührten Gold- und Kupferadern der Welt liegen; die globalen Rohstoffgiganten weibeln in den Amtsstuben für Schürfrechte. Auf den Karten der Geologen ist die Mongolei das zehntreichste Land der Welt. Die Wirtschaft wächst um 20 Prozent – pro Jahr. Doch der <em>goldrush</em> droht das Land zu zerreißen. Die eine Hälfte der Menschen lebt als Nomaden in Jurten und Hütten; die andere Hälfte in den Plattenbauten der Millionenstadt Ulan Bator; und die wenigen Superreichen kassieren die Bergbaugewinne.</p>
<p>In diesem Pulverfass soll nun das Volk das Sagen haben. Ergibt das Sinn?</p>
<p>Klar, meint Rechtsprofessor Andreas Auer, bis vor Kurzem Chef des ZDA und Initiant dieser mongolisch-schweizerischen Demokratie-Freundschaft: &#8220;Nur so lassen sich die verkrusteten politischen Strukturen sprengen. Das Volk wird zur Opposition, das schwächt die Macht der korrupten Beamten.&#8221; Auf Einladung von Präsident Elbegdordsch tourte Auer im Herbst zehn Tage lang durch die Mongolei. Begeistert erzählt er, wie sich bei seinem Besuch in einem Provinzkaff über 200 Menschen versammelten, um über ihre politische Zukunft zu beraten.</p>
<p>&#8220;You know, the people&#8230;&#8221;, sagt der Chefbeamte aus Ulan Bator</p>
<p>Direkte Demokratie als bestes Mittel gegen die grassierende Korruption? Im Seminarraum stimmen alle Professor Auer zu. &#8220;Wir wollen mehr Mitsprache&#8221;, sagt Saruul Agvaandorj. Sie leitet das Institut für direkte Demokratie in der Mongolei und sitzt in einer vom Präsidenten eingesetzten Arbeitsgruppe, die den Demokratieprozess vorantreiben soll. Auf Dorf- und Quartierebene feierte sie bereits erste Erfolge. Im vergangenen Jahr kriegten die kleinsten Verwaltungseinheiten erstmals ein eigenes Budget, umgerechnet 40.000 US-Dollar zur freien Verfügung. &#8220;Wenn jedoch der Gouverneur bestimmt, was mit dem Geld passiert&#8221;, sagt Saruul Agvaandorj, &#8220;dann baut er einfach wieder einen Brunnen. Aber vielleicht braucht das Dorf etwas ganz anderes!&#8221;</p>
<p>Die Budgethoheit bedeutet ein Stück Freiheit für die Bürger.</p>
<p>Nur, wer bestimmt eigentlich, wofür das Geld verwendet wird? &#8220;Das ist kompliziert&#8221;, sagt Saruul Agvaandorj. Und es überfordert das Schweizer Demokratieverständnis. Gewählt werden diese Gremien nämlich nicht, sie werden ausgewählt. Nach welchen Kriterien das geschieht, weiß niemand genau – die entsprechenden Gesetze fehlen. Das gilt auch für die sogenannten <em>citizen halls,</em> bei denen Bürger den Politikern ihre Probleme vortragen können. Sie würden dem per Präsidentendekret verordnet. Doch haben sie mehr mit einer Königsaudienz als mit direkter Demokratie zu tun.</p>
<p>Was die Mongolen dazu sagen? Wir sitzen beim Mittagessen. Enkhbold Bukhchuluun filetiert seine gebratene Dorade. Mit ernster Miene sagt der Stabschef des Bürgermeisters von Ulan Bator: &#8220;Wir müssen besser auf das Volk hören, seine Wünsche erkennen.&#8221; Wieso aber lasst ihr das Volk nicht selbst entscheiden? Der Chefbeamte im rosaroten Tommy-Hilfiger-Hemd legt Gabel und Messer auf den Tellerrand und sagt: <em>&#8220;You know, the people&#8230;&#8221;</em></p>
<p>Noch ist die mongolische Art der direkten Demokratie eher Opium denn Sprengstoff fürs Volk.</p>
<p>&#8220;Demokratie kommt nicht vom einen Tag auf den anderen&#8221;, sagt Andreas Auer seinen Gästen. Es klingt wie eine Aufmunterung und eine Beschwichtigung zugleich. Doch die subversive Kraft der unmittelbarsten aller Regierungsformen scheint der mongolischen Delegation nicht geheuer. &#8220;Was würde wohl passieren&#8221;, fragt in einer Diskussionsrunde Solongo Damdinsuren, &#8220;wenn bei uns eine Volksinitiative über ein Minarettverbot zu Abstimmung käme?&#8221; Die Dekanin der juristischen Fakultät der National University of Mongolia macht sich keine Illusionen: &#8220;Die 95 Prozent Buddhisten würden wohl über die 5 Prozent Muslime bestimmen.&#8221;</p>
<p>Dann ist die Luft raus. Genug der Diskussionen, genug Demokratie. Im Garten der Villa posieren Mongolen und Schweizer für ein letztes Gruppenfoto. &#8220;Waren wir gute Studenten?&#8221;, will jemand von Andreas Auer wissen. Gelächter allenthalben. Aber ernsthaft, was haben die drei Tage gebracht? Die Mongolen sind begeistert – oder einfach nur höflich. Die Schweizer eher reserviert: &#8220;Wir wollen möglichst schnell wieder ins Büro zurück.&#8221;</p>
<p>Doch Corsin Bisaz, der junge Jurist, der mit Andreas Auer durch die Mongolei reiste, sagt: &#8220;Man kommt zurück auf die grundsätzlichen Fragen: Was ist eigentlich Demokratie? Und wieso wollen wir sie?&#8221; Vielleicht, weil sie tatsächlich ein erster Schritt auf dem Weg ins Paradies ist.</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/18/mongolen-schweiz-demokratie"><em>…weiter</em></a></p>
<p>Bild: Sukhbaatar-Platz in Ulan-Bator, Matthias Daum</p>
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		<title>Wirbel um den Wirbelstrom</title>
		<link>http://www.matthiasdaum.ch/wasserwirbelkraftwerk/</link>
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		<pubDate>Wed, 01 May 2013 07:27:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Neuartige Wasserkraftwerke sollen Energie gewinnen und dabei die Natur schonen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Neuartige Wasserkraftwerke sollen Energie gewinnen und dabei die Natur schonen.</span></p>
<p>Am Anfang war die Flut. &#8220;Zweimal schon floss die Suhre durch unser Wohnzimmer&#8221;, erzählt Heidi Zumstein. Nach dem letzten Hochwasser im kleinen Schweizer Ort Schöftland sagte ihr Partner Andreas Steinmann: &#8220;Wir müssen die Kraft des kleinen Flusses nutzen.&#8221; Nur wie?</p>
<p>Im Internet stießen die beiden – er ist Tiefbauingenieur, sie Sozialarbeiterin – auf den Techniker Franz Zotlöterer aus Österreich, der eine alte Idee wiederentdeckt hatte: aus Wasserwirbeln Strom zu gewinnen. Das Prinzip ist einfach. Ein Fluss oder Bach wird in einen Betonbottich geleitet. Durch ein Loch im Boden fließt das Wasser in einem Wirbel ab – &#8220;wie in einer Badewanne&#8221;, erklärt Heidi Zumstein. Die Drehung des Wassers treibt einen Rotor an, der über einen Generator elektrische Energie produziert. Zumstein und Steinmann waren begeistert. Sie sicherten sich für die Schweiz die Rechte an der Technik und <a title="externer Link" href="http://gwwk.ch/" target="_blank">gründeten eine Genossenschaft</a>, denn alleine konnten sie die Investitionen von 340.000 Franken nicht bezahlen.</p>
<p>Und so entstand in Schöftland im Kanton Aargau das erste Wasserwirbelkraftwerk der Schweiz. Weltweit war es das dritte, nach zwei Werken in Österreich. Inzwischen wirbelwerkt es auch in Deutschland, Asien und Südamerika.</p>
<p>An diesem Morgen ist die Suhre zahm. Heidi Zumstein steht auf dem Gitterrost über dem Betonbottich mit 6,50 Meter Durchmesser. Sie erklärt die Anlage: Der Flusslauf wurde zweigeteilt. Rechts fließt Restwasser über eine <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2011/46/Fischtreppe">Fischtreppe</a>, links der Hauptstrom in den Wirbel. Die Fallhöhe beträgt nur 1,40 Meter, viel weniger als bei normalen Kleinkraftwerken. Sanft dreht sich der Rotor, zwanzigmal pro Minute – das Surren des Generators übertönt das Wasserrauschen. &#8220;Man sieht hier, wie Strom entsteht&#8221;, sagt Zumstein.</p>
<p>Wo heute das Kraftwerk steht, war die Suhre früher in einen engen Kanal gepfercht. So wie auf den meisten ihrer 34 Kilometer vom Sempachersee in die Aare. Nun kann der Fluss zumindest auf 150 Metern frei mäandrieren, statt vier ist das Flussbett dreißig Meter breit. Fünf Flussschwellen, die Fische am Wandern hinderten, wurden beim Bau des Kraftwerks entfernt. Durch den langsam drehenden Wirbel können Barbe, Bachforelle und Wasserläufer problemlos absteigen. Weiden mit überhängenden Zweigen schützen die Böschungen vor Erosion, seltene Arten wie Geburtshelferkröten oder Steinkrebse leben wieder hier. &#8220;Sogar einen Eisvogel haben wir gesichtet&#8221;, erzählt Heidi Zumstein, den ersten seit über zwanzig Jahren. Das Wirbelkraftwerk ist auch ein Biotop – eine sanfte Art der Energiegewinnung.</p>
<p>Das Paar hat sich ein Idyll geschaffen: Kater Jimmy streift dem Besucher ums Bein, hinter einem niedrigen Erdwall gurgelt die Suhre. Das zweihundert Jahre alte Haus haben die beiden mit Lehm, Holz und Stein renoviert. Hier wird Nachhaltigkeit vorgelebt. Entsprechend groß war das Medienecho auf das Wasserwirbelkraftwerk in Schöftland. Zur Einweihung im Herbst 2010 reiste der Abenteurer Bertrand Piccard an. Das Bundesamt für Energie verlieh dem Öko-Paar den <a title="externer Link" href="http://gwwk.ch/about/prix-watt-dor-2011-2/" target="_blank">Prix Watt d’Or</a>, eine Auszeichnung für herausragende Innovationen im Energiesektor. Bis heute pilgern Experten aus Deutschland, Frankreich, Brasilien oder Marokko nach Schöftland, um sich die &#8220;Strom produzierende Fischtreppe&#8221; vorführen zu lassen.</p>
<p>Seit die Schweiz den <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/themen/atomausstieg/index">Atomausstieg</a> auf Raten anstrebt, suchen Politik und Energiewirtschaft nach neuen Stromquellen, auch an Flüssen und Bächen. Bis vor 40 Jahren gab es über 7.000 Flusskraftwerke, heute sind es nur noch 1.000. Anstelle der Werke baute man Flussschwellen ein, um die Gewässer zu zähmen. Doch die stören – wie gewöhnliche Kraftwerke – die Fischwanderungen.</p>
<p>Die Schweiz hat ein neues Gewässerschutzgesetz erlassen, das sich stark an den Wasserrahmenrichtlinien der Europäischen Union orientiert. Beide Regelwerke verlangen eine Renaturierung der verbauten Fließgewässer. Wie geschaffen für Wasserwirbelkraftwerke, denn sie vereinen das scheinbar Unvereinbare: &#8220;Wir zeigen, dass sich Renaturierung und Stromgewinnung nicht ausschließen&#8221;, sagt Andreas Steinmann.</p>
<p>Doch nicht alle lieben die Wasserwirbelkraft. Skepsis verbreiten ausgerechnet Umweltverbände. &#8220;Die Technologie ist sympathisch&#8221;, sagt Thomas Ammann vom WWF. Häufig stehe sie aber einer Renaturierung der Gewässer im Weg. &#8220;Und betrachtet man nur die Standorte, die aus ökologischer Sicht unproblematisch sind, bleibt das Potenzial sehr klein.&#8221; Die Aargauer Sektion von Pro Natura giftete gar, die Anlage in Schöftland sei &#8220;mehr Rührwerk als Kraftwerk&#8221;. Unterm Strich sei das kein grüner Naturstrom.</p>
<p>Tatsächlich ist deren Leistung bescheiden, gerade mal 5 bis 15 Kilowatt. Das ergibt rund 100.000 Kilowattstunden im Jahr, was für etwa 25 Haushalte reicht. Andere Kleinkraftwerke mit herkömmlichen Turbinen können einige Tausend Familien versorgen. Sogar Heidi Zumstein und Andreas Steinmann waren anfangs enttäuscht vom Wirkungsgrad ihrer Anlage. Er betrug nur 30 statt der versprochenen 60 Prozent. Zwei Drittel der Energie, die im Wasser steckt, gingen wortwörtlich den Bach runter. Heute, einige technische Nachbesserungen später, liegt der Wirkungsgrad bei 42 Prozent. Ein neuer Rotor soll bald die Hälfte der Wasserenergie in Strom umwandeln helfen.</p>
<p>Auch Energieexperten dämpften den zeitweiligen Wasserwirbel-Hype. In einem Bericht des Bundesamts für Energie schnitten die von ihm preisgekrönten Wasserwirbelkraftwerke plötzlich schlecht ab: Sie seien ineffizient, teuer und auch nicht so umweltverträglich wie behauptet. Dass die Fische das Kraftwerk tatsächlich ungehindert durchschwimmen können, ließ sich bis heute nicht eindeutig beweisen. Ein Versuch, die Fische mit einer Infrarotkamera beim Aufstieg zu filmen, scheiterte an der Technik, Interferenzen des Kraftwerks störten die Aufnahmen. Als man aufgestiegene Fische mit Reusen fangen und zählen wollte, verstopften diese mit Treibgut und Algen.</p>
<p>In Schöftland, auf der Holzbank hinter dem Haus, kennt man all diese Vorbehalte. &#8220;Wir hatten noch nie einen toten Fisch hier&#8221;, sagt Heidi Zumstein. Und Andreas Steinmann ergänzt trotzig: &#8220;Wir wissen, dass es eine gute Sache ist.&#8221;</p>
<p>Der mit mehreren Preisen geehrte Erfinder Franz Zotlöter verfolgt den Streit gelassen. Die Schweizer Pilotanlage sei durch Fehlplanungen wie einen zu langen Zu- und Abflusskanal überteuert. &#8220;Sie entspricht auch nicht den Wasserrahmenrichtlinien der EU&#8221;, sagt er. Deren Einhaltung könne er garantieren. Bei korrekter Planung ströme das Wasser in der Anlage langsamer als in zugelassenen Fischtreppen. &#8220;Wasserwirbelkraftwerke sollen besonders naturverträglich sein und nicht besonders effizient, das ist doch ihr Witz.&#8221;</p>
<p>Zumindest in der Ferne scheint man ihn zu verstehen: Im Februar gingen in Thailand und Chile erste Anlagen in Betrieb, in Japan starten bald zwei von 40 geplanten sanft wirbelnden Kraftwerken.</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/15/wasserwirbelkraftwerke"><em>…weiter</em></a></p>
<p><span style="font-size: x-small;">Bild: Wasserwirbelkraftwerk in Schöftland, GWWK</span></p>
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		<title>Forscher, schafft uns Wohlstand!</title>
		<link>http://www.matthiasdaum.ch/staatswissenschaft/</link>
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		<pubDate>Mon, 18 Mar 2013 13:58:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Schweiz]]></category>
		<category><![CDATA[Wirtschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Wissenschaft]]></category>

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		<description><![CDATA[Der »Zürcher Appell« kritisiert das private Sponsoring an den Unis. Aber wie unabhängig ist die Wissenschaft vom Staat?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Der »Zürcher Appell« kritisiert das private Sponsoring an den Unis. Aber wie unabhängig ist die Wissenschaft vom Staat?</span></p>
<p>Richtig wohl fühlte sich Christian Wasserfallen nicht, als er am vergangenen Donnerstag zum Geschäft Nr. 12.079 vor seinen Ratskollegen sprach. Der FDP-Nationalrat hält nichts von der Energiewende. Ginge es nach ihm, würden in der Schweiz auch nach dem Jahr 2050 die Atommeiler dampfen. Doch Wasserfallen ist Präsident der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Und die will, dass die ETH Zürich und Lausanne zusätzliche 60 Millionen Franken für die Erforschung erneuerbarer Energien erhalten. Wind, Wasser, Sonne: Damit soll die Schweiz in Zukunft ihren Strom produzieren. Nicht mit der Kernspaltung. Kein Rappen dieser Millionen geht in die Nuklearforschung. Das ärgerte Wasserfallen: »Es kann nicht sein, dass die Politik definiert, was gute und was schlechte Forschung ist.«</p>
<p>Es war eine Nebenbemerkung, von den meisten Parlamentariern im Saal überhört – doch sie traf einen wunden Punkt.</p>
<p>Forschungsförderung ist heute oftmals Wirtschaftsförderung. Sie ist ein Machtinstrument.</p>
<p>Nicht nur Private und Firmen nehmen Einfluss auf Forschung und Lehre an den Schweizer Universitäten, wie 27 Professoren in ihrem »Zürcher Appell« kritisierten <em>(ZEIT</em> <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2013/10/CH-Appell">Nr. 10/13</a> und <a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2013/11/Schweiz-Uni-Sponsoring-Wirtschaft">Nr. 11/13</a>). Auch die Politik mischt sich direkt in die Wissenschaft ein, und sie gefährdet damit deren Unabhängigkeit.</p>
<p>Die Einflussnahme erfolgt sanft. Nicht über die festen Budgets der Hochschulen, wovon weiterhin gut 70 Prozent aus der Staatskasse stammen, sondern über die sogenannten Drittmittel.</p>
<p>Was Firmen das Sponsoring an den Universitäten ist, sind der Politik das Forschungsmandat sowie die Gelder des Schweizerischen Nationalfonds.</p>
<p>In den vergangenen zehn Jahren verdoppelte sich die Forschungsförderung aus dem Nationalfonds auf heute 758 Millionen Franken. Die öffentliche Hand vergab 2011 für knapp 200 Millionen Franken Forschungsaufträge an die Hochschulen – vor zehn Jahren waren es noch 114 Millionen. Und aus den Forschungsprogrammen der Europäischen Union flossen 2011 weitere 152 Millionen Franken an die Schweizer Universitäten.</p>
<p>Mit diesen Abermillionen, deren Verwendungszweck die Politik selber bestimmt, rüttelt sie an der Freiheit der Forschung.</p>
<p>»Wenn man es ganz streng auslegt, dann kann man es so sehen«, sagt Fritz Schiesser. Aber der Präsident des ETH-Rats sieht den Einfluss der Politik entspannt. »Wer das Geld zur Verfügung stellt, der darf auch bestimmen, was damit passiert.« Schließlich hätten die beiden ETH einen Leistungsauftrag des Bundes und der könne jederzeit ergänzt werden. Doch kratzen die 60 Millionen für die Energieforschung nicht an der Autonomie seiner Hochschulen? »Ich war selbst Parlamentarier«, sagt der ehemalige freisinnige Glarner Ständerat: »Damals habe ich auch über Forschungsaufträge mitentschieden. Die beiden ETH sind schließlich für den Staat da – und nicht umgekehrt.«</p>
<p>In der politischen Debatte wird daraus häufig ein simpler Dreisatz abgeleitet: Die Hochschulen forschen, daraus entstehen Produkte, und die schaffen wiederum Wohlstand. Eine Innovationskette nennt man das.</p>
<p>Nun aber reißt man an dieser Kette. Die Politik will mit ihrem Geld die wissenschaftliche Neugierde in jene Felder lenken, wo sie sich eine milliardenschwere Wertschöpfung erhofft.</p>
<p>Ein Beispiel ist das Großprojekt SystemsX. Es sollte der Systembiologie in der Schweiz zum Durchbruch verhelfen. Sie geht der Frage nach, wie die Moleküle in unserem Körper wirken.</p>
<p>Anfang der nuller Jahre befand der damalige Basler SP-Ständerat Gian-Reto Plattner: Wir müssen etwas für den Forschungsstandort Basel tun. Denn bald, so befürchtete er, würden die Medikamenten-Pipelines der Pharmafirmen austrocknen. Der Sozialdemokrat tat sich für sein Vorhaben mit Roche und Novartis zusammen. Der Staat sollte das Feld bereiten für weitere Forschungserfolge, die sich mittelbar zu (Steuer)-Geld machen ließen. Das Lobbying von Politik und Wirtschaft hatte Erfolg. In noch nie dagewesenem Ausmaß wurde in die Grundlagenforschung investiert – allein 220 Millionen flossen aus der Bundeskasse. Zusammen mit den Investitionen der beteiligten Universitäten und der beiden ETH werden es circa halbe Milliarde Franken öffentlicher Gelder sein. Heute, fünf Jahre nach dem Projektstart, zieht der Forschungsleiter Ruedi Aebersold ein erstes Fazit: »SystemsX hat zu einem Paradigmenwechsel in der Biologie geführt, ein neues Denken hat sich durchgesetzt.«</p>
<p>Die Wissenschaft profitierte vom staatlichen Geldsegen. Aber die Wirtschaft verlor das Interesse an der Systembiologie.</p>
<p>Die Pharmafirmen haben sich aus dem Projekt zurückgezogen. Nicht einmal ein Drittel der versprochenen 26 Millionen Franken haben sie investiert. Die Brücke zwischen Grundlagenforschung und Medikament war ihnen zu groß.</p>
<p>Die Hochschulen forschen, daraus entstehen Produkte, und die schaffen wiederum Wohlstand – hier funktionierte dieser Dreisatz nicht.</p>
<p>Das Großprojekt SystemsX ist ein Extrembeispiel. Doch es steht für einen Trend: die zunehmende Interessenorientierung der staatlichen Forschung. Die Wissenschaft muss sich ihre Freiheit vom Staat immer stärker erkämpfen.</p>
<p>Das zeigt sich am offensichtlichsten beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF). In den Nachkriegsjahren gegründet, fördert der SNF die hiesige Forschung <em>bottom-up</em> . Wissenschaftler erarbeiten Konzepte, die sie den Expertengremien des Nationalfonds vorlegen – klingt eine Idee erfolgversprechend, wird sie unterstützt. Der Antrieb dieser Forschung ist die wissenschaftliche Neugierde. »Immer häufiger aber wird in Projekten und Programmen geforscht«, sagt der Wissenschaftshistoriker David Gugerli von der ETH Zürich. Und hier hat die Politik das Sagen. »Der Staat bestimmt, wie Erkenntnis zu gewinnen ist.« Denn Bundesrat und Parlament entscheiden über die millionenschweren Nationalen Forschungsprogramme (NFP) und Forschungsschwerpunkte.</p>
<p>Auch Walter Leimgruber, Basler Professor für Kulturwissenschaft und im Präsidium des Nationalfonds vertreten, sieht die Entwicklung hin zu Riesenprogrammen mit Skepsis. »Wenn man Leute mit Millionen übergießt, werden die Resultate nicht besser. Häufig stimmt da der Ertrag pro investiertem Franken nicht mehr.« Aber unterm Strich funktioniere das System Nationalfonds: Nur 15 Prozent der Förderung geht in die Programmforschung. Die Wissenschaftler bestimmten, sagt Leimgruber, in den allermeisten Fällen selbst, was sie erforschen wollten. »Und politischen Druck goutieren wir nicht.«</p>
<p>So wird an Schweizer Hochschulen zurzeit über »Nachhaltige Nutzung der Ressource Boden«, »Quantenphotonik«, und »Bewertung und Risikomanagement im Finanzbereich« ebenso geforscht wie über das »Lebensende«, die »Neue urbane Qualität«, oder »Ultraschnelle Prozesse in molekularen Bausteinen«. Und dies alles »im Dienst von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft«, wie de Leitsatz des Nationalfonds verspricht.</p>
<p>Aber nicht immer erfüllt die Wissenschaft, was sich die Politik von ihr verspricht.</p>
<p>»Jetzt hauen Sie ab! Sie werden hier nie mehr erscheinen!« Bundesrat Pascal Couchepin verlor völlig die Contenance. Er dachte, die Geschichte sei endgültig vergessen, schließlich war sie damals, 2008, bereits drei Jahre alt. Aber die Tessiner Fernsehjournalistin blieb beharrlich. Sie wollte wissen, was tatsächlich geschehen war mit dem »Programm Evaluation Komplementärmedizin«?</p>
<p>Sieben Jahre lang hatten Experten im Auftrag des Bundesrats die Wirkung von Alternativmedizin untersucht. Schließlich empfahlen die Wissenschaftler, dass die Krankenkassen einige Behandlungen weiterhin bezahlen sollen. Doch im Schlussbericht fehlten diese Empfehlungen. Auf Wunsch von Bundesrat Pascal Couchepin waren sie entfernt worden. Der Gesundheitsminister, für den Komplementärmedizin Hokuspokus ist, entließ sogar den wissenschaftlichen Beirat des Programms. Einige Jahre später untersuchte die Geschäftsprüfungskommission den Fall. Ihr Urteil lautete: »Die Wissenschaftlichkeit der Evaluation wurde nicht gewährleistet.«</p>
<p>Dass ein Politiker Forschungsresultate unterdrückt, die ihm nicht passen, bleibt indes die Ausnahme. Verbreiterer ist das Hinwegsehen über unliebsame wissenschaftliche Erkenntnisse.</p>
<p>Etwa in der Gentechnik. Fünf Jahre lang sollten in der Schweiz keine Gentechpflanzen angebaut werden. 2005 wurde eine entsprechende Volksinitiative angenommen. Daraufhin lancierte der Bundesrat das NFP 59 »Nutzen und Risiken der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen«. Es kostete zwölf Millionen Franken, dauerte schließlich acht Jahre – und die Forscher fanden keine gentechnikspezifischen ökologischen Risiken. Ein Resultat mit politischer Sprengkraft.</p>
<p>Schon beim Start des Forschungsprogramms warnte Dieter Imboden, der damalige Präsident des Nationalfonds: »Solche Programme wecken die Erwartung, die Wissenschaft solle eine polarisierte Frage entscheiden. Das kann die Wissenschaft nicht leisten.« Und so kam es auch. Das Moratorium für den Anbau von Gentechpflanzen wurde im vergangenen Herbst von den eidgenössischen Räten bis 2017 verlängert – die Resultate des NFP 59 aber kamen während der ganzen Debatte nie zur Sprache. Am Thema Gentechnik wollte sich kein Politiker die Finger verbrennen.</p>
<p>Die Wissenschaftler waren frustriert und verärgert. Ende Februar forderten die Akademien der Wissenschaften in einem offenen Brief an den National- und Ständerat »kein schleichendes Gentechnikverbot in der Schweizer Landwirtschaft«. Der Akademien-Präsident, Thierry Courvoisier, sagt: »Die Resultate des NFP wurden nicht in Betracht gezogen. Das ist nicht sehr sauber. Aber es gibt halt kaum Wissenschaftler in Bundesbern, deshalb müssen wir uns dort selber stärker einbringen.« Bis heute hat erst ein Nationalrat auf den geharnischten Brief der Akademien reagiert.</p>
<p>Tatsächlich haben die Forscher einen schweren Stand. Für sie ist Wissenschaft ein Selbstzweck, für die Politiker ist sie ein Mittel zum Zweck.</p>
<p>»Immer häufiger haben die Parlamentarier ein spezifisches Anliegen, das sie durch die Hochschulen erforscht haben wollen«, sagt ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser. »Häppchenforschung« nennt das der Wissenschaftshistoriker David Gugerli. Und Thierry Courvoisier beklagt: »Nützlichkeit wird mit Nutzung verwechselt.«</p>
<p>Es liegt auf der Hand: Wer seinen Wählern Milliardeninvestitionen verkaufen muss, der will Resultate sehen. Am liebsten bereits morgen. »Das ist gefährlich«, mahnt Schiesser, »weil man nur noch ganz bestimmte Sachen erforscht. Dabei übersieht man vielleicht etwas ungleich Wichtigeres.«</p>
<p>Doch was tun? Schließlich rührt die Wissenschaft selbst immer stärker die Werbetrommel für ihre Erkenntnisse und deren Nutzen. »Wir brauchen«, sagt Fritz Schiesser, »wieder mehr Gelassenheit beim Warten auf Forschungsergebnisse.«</p>
<p style="text-align: right;"><a href="http://www.zeit.de/2013/12/Schweiz-Uni-Sponsoring-Wissenschaft-Staat/komplettansicht"><em>…weiter</em></a></p>
<p><span style="font-size: x-small;">Bild: Forschung mit Agrarpflanzen © Universität Zürich; Ursula Meisser</span></p>
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		<title>»Natürlich ist das auch Marketing«</title>
		<link>http://www.matthiasdaum.ch/interview-ernst-fehr-ubscenter/</link>
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		<pubDate>Mon, 11 Mar 2013 12:39:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Matthias Daum</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bildung]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
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		<description><![CDATA[Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr fädelte den Sponsoringdeal der Uni Zürich mit der UBS ein. Die Kritik daran versteht er nicht.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><span style="font-size: medium;">Wirtschaftsprofessor Ernst Fehr fädelte den Sponsoringdeal der Uni Zürich mit der UBS ein. Die Kritik daran versteht er nicht.</span></p>
<p>Das Gespräch führten Matthias Daum und Peer Teuwsen</p>
<p><strong>DIE ZEIT:</strong> Herr Fehr, warum ärgert Sie der »<a title="Artikel auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/2013/10/CH-Appell">Zürcher Appell</a> für die Wahrung der wissenschaftlichen Unabhängigkeit«, den schon über 1.000 Menschen unterschrieben haben?</p>
<p><strong>Ernst Fehr:</strong> Der Appell ist problematisch, weil er impliziert, dass die <a title="Themenseite auf ZEIT ONLINE" href="http://www.zeit.de/schlagworte/organisationen/ubs/index">UBS</a>, mit der wir eine Kooperation eingegangen sind, als Ganzes eine unethische Firma ist. Und das ist falsch. Nur einige UBS-Angestellte haben unethische Geschäfte getätigt, während Zehntausende fachlich und ethisch einwandfreie Arbeit gemacht haben. Dieser Appell bedient einen relativ primitiven Anti-UBS-Reflex.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Hatten Sie, als Sie als renommierter Professor der Universität Zürich auf die UBS zugegangen sind, nie den Gedanken, ob es heikel ist, ausgerechnet mit dieser Bank eine Kooperation einzugehen?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Überhaupt nie. Für mich war die UBS ein Partner, der helfen will, die Uni international besser zu positionieren. Im Übrigen war die UBS nicht die erste Firma, die wir angefragt haben. Es war eine glückliche Fügung. Die UBS wollte etwas Gutes für die Schweiz tun, nachdem die Schweiz Gutes für die UBS getan hatte.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Die UBS sprach immer von einem 100-Millionen-Geschenk. Wieso aber drückt sie diesem Geschenk ihre Marke auf? Das ist Marketing.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Natürlich ist das auch Marketing, aber was ist schlecht daran, wenn jemand für gute Taten Lorbeeren erntet? Ich war zehn Jahre lang am MIT. Dort steht im neuen Sloan-Gebäude der Business School beinahe auf jedem Lavabo der Name eines <a href="http://4seohunt.biz/rep/jetli.com">jetli.com</a> Sponsors.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Das kann man doch nicht vergleichen. In der Schweiz sind die Unis mehrheitlich staatlich finanziert, die Finanzierung der Elite-Unis in den USA ist mehrheitlich privat.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Von diesem Argument halte ich überhaupt nichts. Wir müssen unsere Finanzierungskultur ändern, sonst können wir im internationalen Wettbewerb nicht mithalten. Schauen Sie sich das Shanghai-Ranking an. 17 der besten 20 Unis der Welt stehen in den USA. Die meisten europäischen Universitäten sind an ihrer durchschnittlichen Performance gemessen zweitklassig, und zwar in fast jedem Wissenschaftsbereich.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Liegt das allein an der Finanzierung?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Nicht nur. Es liegt auch daran, dass die Universitäten in den USA in Lohn- und Berufungsfragen mehr Autonomie haben. Harvard kann Robert Barro, einem prominenten und einflussreichen Ökonomen, 500000 Dollar Jahreseinkommen bezahlen, wenn es sein muss. Wir aber haben diese starren Gehaltsobergrenzen. Außerdem findet an den US-Universitäten eine Disziplinierung über den Wettbewerb statt, welche die Performance erhöht. Je autonomer eine Uni ist, desto besser ist im Durchschnitt ihre Performance.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Was müsste sich an der Uni Zürich ändern?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Es wäre gut, sie hätte mehr Freiheit bei der Festsetzung der Löhne. Ein Unternehmen muss sich auch nicht an starre Besoldungsreglemente halten.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Sie sind Direktor des UBS-Centers und sitzen gleichzeitig in dessen Stiftungsrat.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Das Abkommen mit der UBS ist vom Department einstimmig bejaht worden; daher ist das einvernehmlich abgestimmt.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Aber ist so ein Doppelmandat auch clever?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Ich glaube, es ist gut, dass zwei Vertreter des Departments im Stiftungsrat sitzen. So haben wir einen größeren Einfluss darauf, was die UBS-Stiftung macht. Wir wollten nicht dauerhaft Bittsteller sein, wir können jetzt etwas Gutes für die Gesellschaft und die Universität Zürich tun.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Wer sagt, dass das gut ist?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Wir organisieren zum Beispiel hochkarätige Veranstaltungen, heuer etwa mit Nobelpreisträger Daniel Kahneman, und kriegen darauf ein sehr positives Echo aus der Wissenschaft und der Öffentlichkeit. Dadurch wird offensichtlich, dass das eine gute Sache ist.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Die Initianten des Appells sehen das anders.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Schauen Sie doch, wer diesen Appell unterschrieben hat. Darunter sind kaum Professoren aus der Medizin, aus den Life Sciences oder den Wirtschaftswissenschaften.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Vielleicht weil diese Professoren ihre privaten Geldgeber nicht verschrecken wollen.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Jetzt hören Sie mal! Wir brauchen private Mittel, sonst können die Schweizer Unis im internationalen Wettbewerb nicht bestehen.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Wie garantieren Sie, dass es keinen Interessenkonflikt zwischen Ihrer Forschung und dem Geldgeber gibt?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Es gibt in unserem Fall keinen Interessenkonflikt. Meine Forschung interessiert die UBS gar nicht. Ich mache neuroökonomische Forschung.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Es geht doch um eine grundsätzliche Frage: Unis sind kritische Instanzen, gegenüber der Gesellschaft, gegenüber der Wirtschaft. Nun lassen sich diese Instanzen von Firmen sponsern und verlieren damit einen Teil ihres kritischen Impetus. Zum Beispiel ist es heute fast unmöglich, bei Finanzfragen an den Unis noch Gutachter zu finden, die nicht mit einem Geldhaus liiert sind.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Schauen Sie doch, was wir an den Veranstaltungen des UBS-Centers machen. Wir organisieren Debatten über faire und effiziente Regeln für den Kapitalismus oder über die moralischen Grenzen des Marktes. Wir scheuen nicht davor zurück, Bankenkritiker als »Keynote Speaker« einzuladen. Es ist im Interesse des Spenders, dass wir am Department unabhängig forschen und lehren können.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Weshalb ist denn der Vertrag zwischen der Uni und der UBS nicht öffentlich?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Alle Bestandteile des Vertrages, die etwas mit der Freiheit von Forschung und Lehre zu tun haben, sind öffentlich. Was wir aber nicht veröffentlichen können, ist, wie viel die Sponsoren im Detail für einen Lehrstuhl hinblättern. Dann wird der eine Spender eifersüchtig auf den anderen. Das gefährdet das zukünftige Fundraising. Übrigens: Im Gegensatz zu den ETH sitzen bei uns keine Sponsoren in der Berufungskommission.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Kann man sich heute, im Zeitalter der Transparenz, diese Geheimnistuerei noch leisten?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Wir verlangen auch nicht von jeder Privatfirma, dass sie bei jedem Deal, den sie mit einer anderen Privatfirma macht, die Preise offenlegt.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Aber die Uni ist nun mal keine Privatfirma.</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Richtig, aber hier geht es darum, den relativen Vergleich zwischen verschiedenen Spendern auszuschließen. Das würde unser Fundraising gefährden.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Wann haben Sie Ihr Ziel erreicht?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Meine Vision ist, mit der Ökonomie, einer Wissenschaft, die enorm viel Potenzial hat, die Welt zu verbessern. Dafür brauche ich Geld. Und zwar mehr als die 100 Millionen der UBS. Wir haben zurzeit 23 Professoren am Ökonomischen Institut – das sind zu wenige. Andere Universitäten wie die London School of Economics oder jene in Oxford oder Barcelona haben doppelt bis dreimal so viele. Um bestehen zu können, müssen auch wir größer werden.</p>
<p><strong>ZEIT:</strong> Was haben Sie eigentlich persönlich von den 100 Millionen Franken der UBS?</p>
<p><strong>Fehr:</strong> Vor allem Arbeit.</p>
<p style="text-align: right;"><em><a href="http://www.zeit.de/2013/11/Ernst-Fehr-UBS-Uni-Zuerich">…weiter</a></em></p>
<p><span style="font-size: x-small;">Bild: <a href="http://gdi.ch/de/Think-Tank/Trend-News/Detail-Page/Ernst-Fehr-erhaelt-Gottlieb-Duttweiler-Preis-2013">GDI</a></span></p>
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