Endlich Ruhe
Sollten die Zürcher den Staatsvertrag mit Deutschland blockieren, erwiesen sie dem Land einen schlechten Dienst
Als ihn sein Ärger übermannte, schaltete der damalige Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber großflächige Anzeigen in süddeutschen Zeitungen. In einem offenen Brief an die »lieben Nachbarinnen und Nachbarn im südlichen Schwarzwald« drohte er, die Rheinbrücken nächtens für die Deutschen zu sperren. Wenn sie denn nicht endlich dem Flughafen Zürich mehr Freiheiten geben würden.
Beinahe 30 Jahre lang befehdeten sich schweizerische und deutsche Verkehrs- und Lokalpolitiker in der Frage: Wer soll über seinen Dächern wie viele dröhnende Flugzeuge ertragen müssen? Zahlreiche Lärmmessungen, Studien, Expertisen und einen vom eidgenössischen Parlament abgelehnten Staatsvertrag später war nur eines klar: Da geht nix. Der Flughafen Zürich blieb ein Zankapfel.
Und dann das. Anfang Jahr verabschiedeten am Rande des Weltwirtschaftsforums, in einem Davoser Arvenstübli, Verkehrsministerin Doris Leuthard und ihr deutscher Amtskollege Peter Ramsauer eine Absichtserklärung für ein neues Abkommen. Aber die Skepsis blieb. Wieso sollte Leuthard gelingen, woran ihre Vorgänger gescheitert waren? Doch diesen Montag kam der Durchbruch: Der Vertrag war Tatsache. Politiker wie Fluggesellschaften und Flughafenbetreiber waren überrascht – und schwiegen erst einmal. Konnte ein Streit, in dem man sich geradezu eingerichtet hatte, so plötzlich zu Ende sein?
Die Eckpunkte des Abkommens sind einfach. Zwischen 18 und 6.30 Uhr müssen alle Landeanflüge durch den Schweizer Luftraum gehen. Das bedeutet mehr Lärm für die Schweizer am frühen Morgen und nach Feierabend. Und: Der Flughafen Zürich muss bis zum Jahr 2020 seine Pisten ausbauen. Dafür gibt es – ein Zugeständnis der deutschen Nachbarn – tagsüber keine Begrenzung für Anflüge über Deutschland. Der Flughafen kann also weiter wachsen.
Als Schweizer könnte man den Vertrag nun mit Lust und Verve zerreißen. Man könnte der Bundesrätin vorhalten, der Kompromiss sei ein Rückschritt gegenüber dem vor zehn Jahren verworfenen Abkommen. Dieses hätte an Werktagen Anflüge von 6 bis 22 Uhr über Deutschland erlaubt. Oder man könnte, wie in den Regionalblättern dies- und jenseits der Grenze bereits geschehen, die üblichen Kommentatoren in Stellung bringen. Fluglärm: Nicht hier, nicht bei uns!
Aber eigentlich wäre jetzt, wo kein Verbalkrawall mehr stört, der Zeitpunkt, um über die zentrale Frage zu diskutieren: Was ist der Schweiz der Flughafen Zürich wert?

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