Hat Zürich eine Zukunft?
Die größte Stadt der Schweiz müsste stärker wachsen. Aber sie traut sich nicht
Der Satz fällt en passant, fast hätte man ihn überhört: »…dass sich dann die anderen einfach zurücklehnen können?« Stadtrat André Odermatt, Vorsteher des Zürcher Hochbaudepartements, sitzt in seinem Eckbüro im Amtshaus IV. Durchs offene Fenster weht das metallische Scheppern eines Presslufthammers: Zürich wird gebaut.
Während Europa darbt, herrscht an der Limmat Goldgräberstimmung. Kräne dominieren die Stadtsilhouette. Der Wohnungsmarkt ist ausgetrocknet – lediglich 5 Eigentums- und 120 Mietwohnungen standen bei der letzten Erhebung leer. Die Preise für Neuvermietungen steigen stetig. Alles drängt nach Zürich: Die Zuwanderer locken die Jobs, die Investoren der Beton, um darin ihr Geld sicher anzulegen.
Ja, der Schweiz könnte nichts Besseres passieren als ihre größte Stadt.
Denn das Land erlebt eine Zeitenwende. Jahrzehntelang beklagten Planer und Architekten die Zersiedelung der Schweiz. Sie waren einsame Rufer. Heute teilen die Bürger ihre Ängste. Im März sagten sie überraschend Ja zur Zweitwohnungsinitiative, um der Verschandelung der Alpen einen Riegel vorzuschieben. Mitte Juni fand im Kanton Zürich die Kulturlandinitiative eine Mehrheit, sie stellt wertvolle Landwirtschaftsflächen unter strengeren Schutz. Und in der Sommersession verabschiedete das eidgenössische Parlament die Revision des Raumplanungsgesetzes. Ihr Kernstück ist die Mehrwertabgabe: Fortan müssen Grundeigentümer bei Einzonungen einen Teil des Gewinns dem Staat abliefern. Damit werden andernorts die Entschädigungen für Auszonungen von schlecht erschlossenem Bauland finanziert.
Was nun? »Dichter bauen« lautet ein Rezept. Orte schaffen, wo auf wenig Raum viele Menschen wohnen und arbeiten können, damit andernorts die Wiese grün, die Landschaft erhalten bleibt. Nichts läge näher, als das dort zu tun, wo schon heute Stadt ist.
Doch André Odermatt, der oberste Baumeister von Zürich, sagt: »…dass sich dann die anderen einfach zurücklehnen können?« Jetzt soll auch einmal in den Vorortsgemeinden verdichtet werden. Dort, wo großzügige Bauzonen gute Steuerzahler anlocken und sich Einfamilienhäuser in die Landschaft fressen.
Bild: Blick vom Prime Tower in Richtung Zürichsee und Glarneralpen, Matthias Daum

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