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3. Oktober 2011, NZZ Folio

Wenn Hirne wandern

Wissenschafter verlassen zwar das Land, aber nie ihre Forschergemeinschaft. Deswegen sind sie auch in der Ferne nie ganz weg.

«Es war Zufall», sagt sie. Beatrice Weder di Mauro spricht in Sportlersätzen. Einsilbig, floskelhaft. Die bekannteste Schweizer Ökonomin mag nicht darüber nachdenken, weshalb es sie, die Volkswirtschafterin mit ihrer glatt verlaufenden Karriere, vor zehn Jahren ausgerechnet auf den Lehrstuhl für Internationale Makroökonomik an der Universität Mainz verschlug. Beginnt man etwas zu bohren, sagt sie: «Das Angebot war das Beste.» Für sie, für ihren Mann, der damals schon in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank arbeitete, und später für den gemeinsamen Sohn. Nur dreissig Autominuten trennen Frankfurt und Mainz, Familie und Karriere liessen sich so unter einen Hut bringen.

Aber eigentlich findet Weder di Mauro die Standortfrage seltsam. Die Wissenschaftswelt ist globalisiert, Forscher sind Nomaden. Für die 46jährige, aufgewachsen im bürgerkriegsgeschüttelten Guatemala, wo ihr Vater als Manager für Ciba-Geigy arbeitete, heisst das: Volkswirtschaft lässt sich überall betreiben.

Egal, ob als Doktorandin und Assistenzprofessorin an der Uni Basel, als Beraterin beim Internationalen Währungsfonds und der Weltbank in Washington oder später als Fellow an der United Nations Univer­sity in Tokyo. Was zählt, ist das unmittelbare Umfeld am Institut: die Professorenkollegen und die Studenten – möglichst brillant sollten sie sein.

Beatrice Weder di Mauro war brillant. Schon im Stu­dium an der Uni Basel waren die Professoren voller Bewunderung für die junge Frau. Dass das Ausnahmetalent später ins Ausland zog, interessierte von Amtes wegen niemanden. Weder gibt es fundierte Studien darüber, was Wissenschafter in die Fremde zieht, noch weiss man, wie viele Schweizer im Ausland forschen und wo sie das tun. Das, obschon die Eidgenossenschaft an achtzehn Botschaften Wissenschaftsräte beschäftigt und mit Swissnex seit zehn Jahren ein eigenes Wissenschaftsnetzwerk aufbaut. Aber es herrscht keine Meldepflicht im Ausland, also gibt es auch keine gesicherten Daten. Schätzungen gehen davon aus, dass am meisten Schweizer Hochschulpersonal in Deutschland arbeitet, nämlich etwa 800 Personen, danach folgen 300 Personen an der amerikanischen Ostküste.

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