DIE ZEIT
Büro Schweiz
Lavaterstrasse 61
CH-8002 Zürich
+41 56 206 66 08
matthias.daum at zeit.de
13. August 2015

“Wir verschenken die Spieler nicht mehr”

Ancillo Canepa ist Präsident des FC Zürich und verliert regelmäßig seine besten Spieler nach Deutschland. Ein Gespräch über ungeduldige Talente und einträgliche Transfers.

DIE ZEIT: Herr Canepa, schauen Sie sich in der kommenden Saison noch Bundesligaspiele an?

Ancillo Canepa: Also, diese Frage ist fast eine Beleidigung! (lacht) Es ist ja bekannt, dass ich ein Bundesliga-Fan bin. Ich bin mit dieser Liga aufgewachsen. Seit 1964 verfolge ich sie aktiv. Und in der Schweiz bin ich vermutlich der Einzige, der eine private Kicker-Sammlung hat – von der Erstausgabe 1952 bis heute. Logisch schaue ich weiter Bundesliga!

ZEIT: Kein Ärger über die Deutschen? Immerhin haben sie dem FC Zürich in dieser Transferperiode vier seiner besten Talente abgeworben.

Canepa: Im Gegenteil. Mit den deutschen Clubs zu verhandeln ist sehr angenehm, weil sie ausgesprochen faire Verhandlungspartner sind. Wir sind uns bewusst: Wir sind eine Ausbildungsliga. Jeder Schweizer Profifußballer hat den Wunsch, irgendwann ins Ausland zu gehen. Und die Bundesliga ist den Deutschschweizern halt am nächsten.

ZEIT: Trotzdem. Wenn vier der größten Talente weggekauft werden …

Canepa: … weggekauft werden, so stimmt das natürlich nicht. Es braucht immer drei Parteien, die sich einig sind: alter Verein, neuer Verein und der Spieler. Bei Nico Elvedi …

ZEIT: … dem jungen Verteidiger, der diesen Sommer zu Borussia Mönchengladbach gewechselt ist …

Canepa: … war das einvernehmlich der Fall. Wir wollten ihn eigentlich nicht abgeben, aber Gladbach hat wirklich hochgradiges Interesse gezeigt. Er ist als Stammspieler vorgesehen. Ich weiß, dass er auch dort eine exzellente Ausbildung erhalten wird. Und mit Lucien Favre bekommt er einen Trainer, der hervorragend mit Jungprofis arbeiten kann.

ZEIT: Elvedi ist erst 18 Jahre alt, hat lediglich 18 Spiele in der Super League gemacht.

Canepa: Das stimmt, aber er ist einfach ein Riesentalent, das auch mental für einen Transfer bereit war. Ähnlich wie damals Ricardo Rodríguez. Und klar: Wenn die Rahmenbedingungen akzeptabel sind, wird der sportliche Verlust wenigstens finanziell kompensiert. Außerdem besteht vereinzelt die Gefahr, dass ein verweigerter Transfer einen Spieler mental belastet.

ZEIT: Was heißt das?

Canepa: Er resigniert, verliert an Leistungspotenzial und läuft Gefahr, seine Karriere schon früh zu riskieren.

ZEIT: Die Transfersumme für Elvedi betrug vier bis fünf Millionen Franken. Für Ihren Club ist das viel Geld. Aber wie profitiert eigentlich der Spieler selbst von so einem Wechsel?

Canepa: Die Saläre in der Bundesliga sind auch für junge Spieler höher als bei uns.

ZEIT: Von welchen Beträgen sprechen wir da?

Canepa: Elvedi war bei uns Jungprofi.

ZEIT: Wie viel verdient so einer?

Canepa: Das werde ich jetzt sicherlich nicht öffentlich kommunizieren.

ZEIT: Geben Sie uns eine Größenordnung: Ist es ein vier- oder fünfstelliger Betrag im Monat?

Canepa: Ein ganz junger Spieler verdient im moderaten vierstelligen Bereich pro Monat. Bei einem Bundesligaclub, wenn er als Stammspieler vorgesehen ist, dürfte es im mittleren fünfstelligen Bereich sein.

ZEIT: Also fast das Zehnfache. Das sind Löhne, die ein Schweizer Club höchstens zwei bis drei Spielern zahlen kann.

Canepa: Nein, sicher nicht das Zehnfache, aber wesentlich mehr als in der Schweiz.

ZEIT: Wieso versuchen Sie einen jungen Spieler nicht mit einer happigen Lohnerhöhung zu halten?

Canepa: In einer Mannschaft ist die Lohngeometrie wichtig. Ein Jungprofi kann nicht genauso viel verdienen wie ein 50-facher Nationalspieler. Wir haben beim FCZ eine Lohnskala: Jeder junge Spieler beginnt mit demselben Basissalär. Lohnerhöhungen sind gestaffelt vorgesehen nach Anzahl der absolvierten Spiele und allfälligen Einsätze in der A-Nationalmannschaft. Auch wenn wir also Elvedi noch ein Jahr hätten halten wollen, hätten wir ihm kein Fantasiegehalt bezahlt.

ZEIT: Wechseln die Spieler heute eigentlich früher ins Ausland?

Canepa: Jeder Fall ist anders. Aber ich spüre eine Tendenz, dass die jungen Spieler ein bisschen zu früh die Geduld verlieren. Es ist vernünftig, wenn sie zunächst beim FCZ einen Stammplatz haben – und erst dann wechseln. Zum richtigen Zeitpunkt und zum richtigen Verein. In vielen Fällen ist es bei uns genau so abgelaufen. Auch dank der Unterstützung von Familien und Beratern.

ZEIT: Das Abwerben im Juniorenalter …

Canepa: … ist und bleibt sehr problematisch. Wir hatten das auch schon früher. Einige Nachwuchsspieler wechselten zu Arsenal, Manchester United, Juventus Turin oder Palermo. Aber es ist schwierig: Die großen Clubs kaufen in ganz Europa die Talente zusammen. Dort hat man als Spieler starke Konkurrenz. Und ob die Ausbildung gleich gut ist, wie hier bei uns, ist eine andere Frage.

ZEIT: Zwei Drittel der Schweizer Nationalmannschaft spielen heute in der Bundesliga. Sie stellen dort die größte Ausländerfraktion. Wieso sind die Schweizer in Deutschland so beliebt?

Canepa: Weil wir in der Schweiz extrem viel in die Ausbildung der jungen Fußballer investieren. Es ist kein Zufall, dass sich so viele Schweizer Spieler im Ausland durchsetzen können. Wir waren lange Zeit führend in Europa.

ZEIT: Sie sagen: Wir waren führend. Sind Sie das nicht mehr?

Canepa: Die anderen haben aufgeholt. Der Deutsche Fußballbund kam in die Schweiz und hat unsere Ausbildungsprogramme angeschaut. Und notabene: Die tägliche Arbeit wird nicht im Verband, sondern in den Clubs geleistet. Also bei uns, bei Basel oder beim GC. Wir versuchen den jungen Spielern die Chance zu geben, in der ersten Mannschaft zu spielen. Die großen Vereine in der Bundesliga kaufen vielfach bewährte und erfahrene Spieler, da haben es die eigenen Nachwuchsspieler nicht immer einfach, sich in die Stammelf zu spielen.

ZEIT: Also könnte man sagen: Was die deutschen Zahnärzte für die Schweiz, sind die Schweizer Fußballer für Deutschland: Die einen bilden sie für viel Geld aus – und ennet der Grenze profitiert man von ihnen.

Canepa: Der deutsche Fußballmarkt ist zehnmal größer. Fußball hat einen ganz anderen Stellenwert als bei uns. Jeder Deutsche interessiert sich dafür. Die Clubs erhalten Fernsehgelder, von denen wir nur träumen können: Sie machen dort rund 30 Prozent der Einnahmen aus, in der Schweiz sind es gerademal vier bis fünf Prozent. Dann sind in Deutschland die Stadien immer voll, die meisten Tickets sind schon vor der Saison verkauft. Das sind ganz andere Dimensionen. Klar, auch in der Bundesliga gibt es Clubs, die sich finanziell in unserer Größenordnung bewegen.

ZEIT: Max Eberl, Manager von Mönchengladbach, sagt: Bei Schweizern stimme das ganze “Transferpaket”. Was meint er damit?

Canepa: Eberl saß vor ein paar Wochen hier an diesem Tisch. (lacht) Natürlich weiß man auch in Deutschland, dass die Ausbildung in unserer Academy ausgezeichnet ist. Uns ist es wichtig, dass ein Spieler in die Schule geht, eine Lehre macht. Wir kennen seine Eltern und sein Umfeld.

ZEIT: Aber wenn einer wie Eberl sagt, dass das Transferpaket stimmt, heißt das nicht auch: Ihre Spieler sind vielleicht zu billig?

Canepa: Das ist eine berechtigte Frage. Leider ist es tatsächlich so, dass es einen Herkunftsland-Bonus oder -Malus gibt. Spieler aus Spanien, Italien oder England sind einfach per definitionem teurer. Aber dass ein Spieler, nur weil er aus der Schweiz kommt, günstig zu haben sein soll – das akzeptiere ich schon seit einiger Zeit nicht mehr. Da haben wir dazugelernt, wir verschenken die Spieler nicht mehr.

ZEIT: Ihre Frau Heliane Canepa und Sie besitzen 90 Prozent der FCZ-Aktien. Können Sie es sich überhaupt leisten, einen Spieler, der ein Angebot aus der Bundesliga hat, nicht zu verkaufen?

Canepa: Das Ziel ist, dass sich der Club selbst finanziert. Weil uns die Fernsehgelder fehlen, bleibt aber immer ein strukturelles Defizit. Das müssen wir kompensieren: entweder mit Transfers oder mit der Europa bzw. Champions League. Das ist unser Schicksal. Aber aus finanzieller Not heraus verkaufen wir sicherlich keine Spieler.

ZEIT: Was ich nicht verstehe: Wenn der eigene Nachwuchs ein so gutes Geschäft ist, wieso kaufen Sie dann selbst Spieler im Ausland? Beim FCZ stehen Albaner, Armenier, Senegalesen, Ivorer und Tunesier im Kader.

Canepa: Wenn wir eine Position besetzen müssen, ist die erste Frage: Können wir sie mit einem eigenen Spieler abdecken? Wenn das nicht möglich ist, müssen auch wir einen Transfer tätigen. Es kommt auf die richtige Mischung an. Und wir sind natürlich durchaus interessiert daran, junge Spieler zu holen, die uns sportlich weiterhelfen und die Schweiz als Sprungbrett nutzen wollen.

ZEIT: Die Sie also gewinnbringend weiterverkaufen können.

Canepa: Ja, natürlich. Das ist für uns die einzige Chance, wirklich hochkarätige Spieler zu uns zu holen: Für Yassine Chikhaoui wäre der direkte Sprung nach England, Frankreich oder in die Bundesliga zu groß gewesen, obwohl er damals entsprechende Angebote hatte.

ZEIT: Nun spielt Chikhaoui in Katar.

Canepa: Er war bald acht Jahre bei uns. Wegen seinem Verletzungspech konnten wir den gemeinsam geplanten Transfer zu einem europäischen Topverein nicht realisieren. Es war Zeit für einen Tapetenwechsel, der für ihn natürlich auch finanziell interessant war. Aber nehmen wir Raffael, der später zu Hertha Berlin wechselte und heute zu den Top-Bundesligaspielern zählt. Er konnte den FCZ als Sprungbrett nutzen.

ZEIT: Aber wenn die eigenen Spieler schon aus dem Nachwuchs ins Ausland wechseln, geht Ihre Philosophie da noch auf?

Canepa: Das ist eine rollende Planung. Wir haben in den letzten zwölf Monaten acht Spieler aus der U-21 ins Kader der ersten Mannschaft genommen. Wir haben noch viele großartige Talente, die wir in absehbarer Zeit in die erste Mannschaft aufnehmen können.

ZEIT: Ist die Bundesliga-Begeisterung in der Deutschschweiz nicht ein Problem für die Schweizer Clubs? Wer die Sportschau guckt und dann in ein hiesiges Stadion geht, ist häufig enttäuscht.

Canepa: Wenn sich einer so für die Bundesliga interessiert, dann hat er grundsätzlich Freude am Fußball. Und wenn man sich in Deutschland mal das ganze Drumherum, die Stadien, das Fernsehen wegdenkt und nur die Spielqualität anschaut: So groß ist der Unterschied zur Schweiz auch nicht. Es gibt drei oder vier absolute Topvereine, aber mit den anderen Clubs können auch wir hier mithalten.

ZEIT: Die Bundesliga ist überschätzt?

Canepa: Da sage ich nicht Nein. Aber eben: Die gesellschaftliche Bedeutung der Bundesliga ist halt schon faszinierend. Vom Ministerpräsidenten bis zum Lehrling gehen alle am Samstag um 15.30 Uhr ins Stadion ihres Clubs. Schade, dass wir in der Schweiz nicht einen ähnlichen Hype hinkriegen. Da kommen mir schon die Tränen. Doch neidlos muss ich anerkennen, ein Club, eine Region hat das geschafft: Basel. Da sage ich nur: Chapeau!

ZEIT: Dem FCZ wurde einst Thomas Müller vom FC Bayern angeboten. Sie aber haben abgelehnt. Was hat Sie da geritten?

Canepa: Im Nachhinein ist es immer einfach, zu spotten. Thomas Müller wurde uns als 18-Jähriger angeboten, als er in der zweiten Mannschaft von Bayern spielte. Zwischen 15 und 19 Jahren, also in den entscheidenden Jahren, ist es extrem schwierig, die Talente richtig zu beurteilen.

ZEIT: Ärgern Sie sich, dass Sie damals abgelehnt haben?

Canepa: Nein, wirklich nicht. Wenn der zu uns gekommen wäre, hätte er nie diese Karriere gemacht.

ZEIT: Früher drehten Bundesliga-Stars noch eine Ehrenrunde in der Schweiz: Karl-Heinz Rummenigge bei Servette, Günter Netzer bei GC.

Canepa: Diese Zeit ist vorbei. Auch in der Schweiz ist das Niveau anspruchsvoll. Es gab früher tatsächlich einige Spieler, die hierher kamen, gut kassierten, aber kaum Leistung erbrachten. Dazu zählt aber sicher nicht Rummenigge: Er wurde zweimal Torschützenkönig und hat bei Servette zwei Jahre tollen Fußball geboten.

ZEIT: Welchen Bundesligaspieler würden Sie heute gern beim FCZ spielen sehen?

Canepa: Thomas Müller. (lacht)

ZEIT: Und Ihre Frau?

Canepa: Den da hinten. (zeigt auf ein signiertes Bayern-München-Trikot von Franck Ribéry hinter ihm an der Wand. Darauf steht von Hand geschrieben: “Affectueusement: pour Heliane”)