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5. Juli 2012, Die Zeit

»Wir betreiben Kirchturmpolitik«

Zürich muss über den eigenen Tellerrand hinausschauen, fordert der ehemalige Stadtpräsident Josef Estermann

DIE ZEIT: Herr Estermann, Sie äußern sich kaum noch öffentlich. Wieso?

Josef Estermann: Ich habe mir geschworen, mich nach meinem Rücktritt nicht mehr einzumischen.

ZEIT: Denken Sie manchmal: Ach, hätte ich als Stadtpräsident die Probleme meiner Nachfolger gehabt!

Estermann: Es gibt auch heute sehr ernsthafte Probleme, aber über die Lokalpolitik lassen sie sich schwerlich lösen. Vor allem fließt unglaublich viel Geld in die Immobilien. Es gibt zurzeit kaum eine bessere Anlage. Das treibt die Preise in die Höhe.

ZEIT: Was kann einer Stadt Besseres passieren, als dass alle in ihr wohnen und investieren wollen?

Estermann: Eine solche Situation hat Vor- und Nachteile. Wenn Sie zu jenem Teil der Bevölkerung gehören, der mit relativ wenig durchkommen muss, spüren Sie von der positiven Entwicklung kaum etwas. Sie leben an den verkehrsbelasteten Straßen, Sie spüren die Mietpreissteigerungen. Möglicherweise wird ihre Wohnung wegsaniert.

ZEIT: Ist nicht das eigentliche Problem, dass wir die Stadt viel zu klein denken? Wer nicht in seinem Wohnquartier eine neue Wohnung findet, fühlt sich aus der Stadt gedrängt.

Estermann: Ja, klar, da haben Sie absolut recht. Man müsste von der Region Zürich ausgehen. Und da gibt es neben der teuren Innenstadt auch günstige Randgebiete. Nur, umweltpolitisch ist das eine Katastrophe: Der Rand ist zu günstig, alle drängt es dorthin, und die Entwicklung ist nicht unter Kontrolle. Wer dort wohnt, beansprucht sechsmal so viel Fläche wie jemand im Zentrum. Solange die Gemeinden in der Planung weiterhin Kirchturmpolitik betreiben und der Kanton nicht entschieden genug eingreift, entwickeln sich die Siedlungen in die Breite.

ZEIT: Als Stadtbewohner kriegt man den Eindruck, in Zürich sei eine Stimmung entstanden, die das Wachstum bremsen möchte. Teilen Sie diesen Eindruck?

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