DIE ZEIT
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16. Juli 2015, Die Zeit

“Das ist öde im Quadrat!”

Das Mittelland ist längst eine Agrarwüste, beklagt der Landschaftsarchitekt Günther Vogt. Wer heute Natur sucht, muss in die Stadt ziehen. Ein Gespräch.

DIE ZEIT: Herr Vogt, wann haben Sie zum letzten Mal Unkraut gejätet?

Günther Vogt: Schon seit Urzeiten nicht mehr. Ich habe keinen Garten, weil ein Garten bedeutet, viel Zeit zu haben. Und die habe ich leider nicht.

ZEIT: Aber Sie würden gerne?

Vogt: Wenn man einen Beruf ausübt, der sehr viel mit Denken und Reden zu tun hat, dann ist es wohltuend, nicht nur das Mundwerk, sondern auch das Handwerk zu trainieren. Sich selbst zu spüren, auch wenn es nur die Finger sind. Aber zurzeit ist mein Garten eine Seerose, die in einem Wasserbottich auf meinem Balkon schwimmt. Die braucht kaum Pflege.

ZEIT: Wenn Sie heute in die Gärten der Schweizer schauen, was fällt Ihnen auf?

Vogt: Anfangs der 1980er Jahre dachte ich: Dieser Beruf, den ich habe, interessiert in der Schweiz niemand. Das Land hat keine Tradition mit aristokratischen, großen Parks und Gärten wie Deutschland, Frankreich oder England. Das hat sich in den vergangenen 30 Jahren geändert.

ZEIT: Zum Guten?

Vogt: Der Garten ist heute ein Lifestyle. Überall stehen Buchs-Kugeln und die immer gleichen Lounge-Möbel. Das Interessante ist, dass sich alle mit der gleichen ästhetischen Signatur umgeben, um ein gewisses Klassenbewusstsein darzustellen. Aber es sind keine individuellen Gärten.

ZEIT: Für was steht denn die Buchs-Kugel?

Vogt: Die Buchs-Kugel ist die perfekte Form. Sie stellt die Welt dar. Die Kontrolle über die Natur. Sie ist immergrün. Und es gibt keine Entwicklung: Sie ist eingefroren auf eine bestimmte Form. Ähnlich wie bei Louis XIV. und seinem Park in Versailles.

ZEIT: Man will sich gar nicht mehr ein Stück Natur vors Haus oder auf den Balkon holen?

Vogt: Cultiver son jardin meint natürlich genau das Gegenteil: nicht das Konservieren einer Form, sondern einen Dialog, der nicht immer gelingt. Einmal wachsen die Karotten gut, dann ist das Wetter schlecht für die Tomaten. Das Scheitern ist Teil eines Gartens.

ZEIT: Wie kam es denn zum Buchs-Kugel-Hype?

Vogt: Ein Garten zeigt, dass man es geschafft hat. Schauen Sie an die Zürcher Goldküste. Dort gibt es drei Insignien des Erfolgs: den Balkon mit Glasbrüstung, damit man möglichst viel vom See sieht, die Plastik-Rattan-Möbel – und eben die Buchs-Kugel. Der Garten ist für diese Leute wie die zeitgenössische Kunst, die sie an die Wand hängen: reines Dekor und Ornament.

ZEIT: Sie selber bauen heute keine Privatgärten mehr. Wieso?

Vogt: Weil es extrem viel Zeit braucht. Viele dieser Menschen, für die wir bauen, haben viel zu viel gesehen. Die können nicht mehr selber denken: Was ist mir wichtig, wie möchte ich leben? Ich habe Unbeschreibliches erlebt. Es brauchte Wochen oder Monate, bis mir jemand sagte: Ich möchte einfach große Feuer machen in meinem Garten, denn die 1.-August-Feuer waren für mich immer so toll.

ZEIT: Sie sagten mal: “Fast alle lieben Gärten. Das ist manchmal auch ein Problem.”

Vogt: Das gilt vor allem für England. Dort weiß man so viel über Gärten, die Natur, die Pflanzen, die Gartengeschichte. Aber Grün ist nicht per se gut.

ZEIT: Aber auch in der Schweiz ist der Aufschrei riesig, wenn in einer Stadt ein Baum gefällt werden soll.

Vogt: Der Baum fällt dann eben nicht durch das Waldsterben, nicht durch den Klimawandel, sondern wir sägen ihn um. Die Stadt Basel hat eine eigene Baumschutzverordnung. Ich habe mich massiv dagegen gewehrt, dass Zürich auch eine erhält. Wenn eine Gesellschaft es braucht, dass sie ihre Bäume per Gesetz schützt, dann ist sie krank.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Vogt: Wir entfremden uns immer stärker von der Natur. Vor 15 Jahren wurde ich jeweils gefragt: Pflanzen Sie da einheimische Bäume? Ich habe mich darüber immer gewundert. Der Ginkgo aus dem Südwesten Chinas ist ein toller Baum, den auch schon Goethe beschrieben hat. Warum soll der jetzt ausgeschlossen sein? Mal abgesehen davon, dass er im hoch belasteten städtischen Umfeld viel besser wächst als eine einheimische Buche. Irgendwann merkte ich: Die Leute wissen gar nicht mehr, was einheimisch oder fremdländisch ist. Dann habe ich einfach gesagt: Jaja, der ist einheimisch.

ZEIT: Sie haben den Ginkgo eingebürgert?

Vogt: Genau, wie ein Hohepriester. (lacht) Seit ein paar Jahren fragen die Leute nun: Sind die Pflanzen giftig? Das ist eine weitere Eskalation der Naturentfremdung. Alles ist letztlich giftig, es ist nur eine Frage der Dosis. Aber wer isst schon drei Kilo von Cornus sanguinea, dem Roten Hartriegel? Diese Beeren sind so bitter, dass man bestimmt keine zweite isst.

ZEIT: Die Schweizer werden immer wieder als Bauernvolk beschrieben. Trotzdem, wenn man Ihnen zuhört: Vom Naturwissen scheint nicht mehr viel hängen geblieben zu sein.

Vogt: Das geschah innerhalb von zwei Generationen. Die Urbanisierung nach dem Zweiten Weltkrieg passierte unglaublich schnell. Fast alle Familiengeschichten haben noch mit dem Land zu tun. Ich sehe das bei meinen Studenten. Trotzdem wollen die meisten Schweizer keine Städter sein. Das wird sich aber bald ändern – und zwar schnell.

ZEIT: Was macht Sie so sicher?

Vogt: Denken Sie nur an die Entdeckung der Alpen. Die Schweizer hatten Angst, die Berge zu besteigen. Dann kamen die Engländer und haben sie ihnen zugänglich gemacht. Sie haben diese wunderschönen, gigantischen Hotels gebaut. Dazu eine abgespeckte Form des englischen Landschaftsgartens. Damit haben sie die Landschaft vermittelbar gemacht: im Vordergrund der Park, im Mittelgrund diese städtischen Hotel-Silhouetten und im Hintergrund das Alpenpanorama. Das wird in den nächsten Jahren auch mit den Schweizer Städten passieren.

ZEIT: In Ihrem Buch Landschaft als Wunderkammer schreiben Sie: Nicht derurban sprawl, sondern die zersiedelte Landschaft, der Raum dazwischen, sei das größte Problem in der Schweiz. Wie kommen Sie darauf?

Vogt: Fahren Sie mal durchs Land. Es wiederholt sich immer dasselbe Muster: Ein urbanisiertes Zentrum, das am Stadtrand ausfranst, eine suburbane Zone – dann kommt die Landschaft. Und alles beginnt von vorne. Das Problem ist die fehlende Differenz zwischen den urbanisierten Zentren und der Landschaft. Denn auch außerhalb der Städte wird der Boden entweder hochagrarisch genutzt, oder er ist Träger für Infrastrukturbauten: also Autobahnen, Eisenbahnen, Gewächshäuser, Sportanlagen. Diese Landschaften im Schweizer Mittelland sind ökologisch völlig wertlos. Und interessanterweise gibt es dagegen viel weniger Opposition, als wenn man fünf Bäume in der Stadt fällt.

ZEIT: Bitte?

Vogt: Auf dem Stadtgebiet von Zürich ist die Biodiversität 100-mal größer als im Mittelland. Die Lebensräume sind abwechslungsreicher, mosaikartiger.

ZEIT: Die Fruchtfolgeflächen im Mittelland will die Politik nun aber stärker schützen.

Vogt: Die Idee, die produktive Landschaft zu schützen, geht zurück in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Zur Idee der Selbstversorgung, die natürlich völlig absurd ist. Was essen Schweizer heute? Tomaten, Gurken, Mais. Das ist alles fremdländisch. Wenn ich den Speiseteller eines Schweizers anschaue, dann ist da fast nichts mehr einheimisch. Und dann soll alles noch nachhaltig, biologisch produziert sein. Das ist in der Schweiz mit den vorhandenen Flächen gar nicht mehr möglich.

ZEIT: Was müsste man denn tun, um die Landschaft lebenswert zu erhalten?

Vogt: Ist diese Landschaft überhaupt lebenswert? Wenn ich gewisse Orte im Mittelland anschaue: Das ist öde im Quadrat! Zwischen diesen Feldern sind asphaltierte Straßen, im Rechteck angelegt. Schön ist das nicht. Sobald ich in die Wälder gehe, ist es okay, weil sie nicht mehr ökonomisch genutzt werden. In einem Metropolitanraum wie Zürich kann ich aber viel schönere Landschaften genießen. Die Wälder und Flüsse sind wie Parks angelegt. Das Mittelland hingegen ist eine hoch industrialisierte Agrarwüste. Eine Art amerikanischer Mittlerer Westen en miniature.

ZEIT: Die Landwirte prägen die Landschaft also stärker als die Baubranche?

Vogt: Ja. In der Raumplanung klammert man die Landwirtschaft aus. Die Bauern bestimmen, was und wie etwas auf ihren Flächen geschieht. Nicht die Planer. Und was passierte in der letzten Parlamentssession? Es wurde unglaublich gespart. Nur an einem Ort nicht – bei der Landwirtschaft.

ZEIT: Die Bauern würden Ihnen entgegnen: Wir sind die Landschaftspfleger der Schweiz.

Vogt: Nein, die Schweizer Bauern verschandeln die Landschaft. Ästhetisch und ökologisch. Sie wirtschaften in viel zu großen Einheiten, und sie bauen nur eine Pflanzenart pro Feld an.

ZEIT: Weil es sich sonst für sie nicht lohnt.

Vogt: Wenn wir schon ökonomisch argumentieren, dann gäbe es nur etwas: Aufhören! Schluss mit der intensiven Landwirtschaft in der Schweiz. Die Qualität der englischen Milch ist zum Beispiel wesentlich besser. Die Tiere sind immer auf der Weide, die werden nicht mit Mais gefüttert. Und ich bezahle dafür außerdem noch viel weniger. Als die Bauern in Balzers, wo ich aufgewachsen bin, ihre Kühe mit Mais zu füttern anfingen, hat meine Mutter gesagt: “Wir trinken keine Milch mehr. Die stinkt!”

ZEIT: Wie also sollte das Mittelland Ihres Erachtens aussehen?

Vogt: Dazu braucht es eine neue Idee. Denn wenn wir nichts machen, wird alles zum Wald.

ZEIT: Gibt es diese Ideen?

Vogt: Es herrscht in der Schweiz eine unité de doctrine. Alle sagen: Wir müssen verdichten. Das allein ist aber noch keine Qualität. Wohnen, Arbeiten und Produzieren müssten wieder enger zusammenrücken. Wir bräuchten mehr öffentliche Räume. Und eine neue Stadtkultur. Wir haben dafür aber keine Vorbilder. Also importieren wir sie: aus Mailand oder aus Berlin.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Vogt: Das Mittelland als eine große Parklandschaft. Dazu müssten aber die Schweizer Bauernhöfe, die im internationalen Vergleich sowieso schon klein sind, noch kleiner werden. Anbauen sollten sie nicht mehr Massenprodukte wie Futtermais, den man im Ausland viel günstiger und mit weniger Dünger- und Pestizideinsatz produzieren kann. Sondern Gemüse oder Obst. Bei Coop und Migros ist nicht mehr die Bioproduktion der stärkste Trend, sondern regionale Produktion. Im Migros St. Gallen kriege ich eine Kartoffelsorte, die es nur in der Ostschweiz gibt.

ZEIT: Herr Vogt, gibt es einen Ort, wo diese neue Parkschweiz bereits verwirklicht ist?

Vogt: Steigen Sie in Zürich in die S 18, und fahren Sie auf die Forch. Man läuft dort bei dieser Sommerhitze zehn Minuten durch Maisfelder, dann kommt ein kleiner Einschnitt in die Landschaft mit Bäumen, da ist ein kleiner Bach, der wird immer größer. Es ist kühl. Schließlich landet man im Seefeld, in einem städtischen Blockrand – und geht dort Abendessen.

Bild: © Giuseppe Micciché