26. Mai 2009
Speckig glänzt der schwarze Noppenboden im engen Treppenhaus. Die Gegend ist nicht die beste Amsterdams, der Ausländeranteil recht hoch. Trotzdem macht sie einen freundlichen Eindruck: Grund dafür ist die geringe Gebäudehöhe (maximal vier Stockwerke) sowie die Auflockerung der dichten Bebauung mit Freiräumen. Zudem liegen in Gehdistanz reizvolle Altbauviertel an Grachtenlage und szenige Familienquartiere. Der Clou der Amsterdamer Planer: Mit kleinräumiger Stadtentwicklung die Ghettobildung vermeiden. Und: Mit günstigen Mieten die Bewohnerschaft durchmischen.
Die Wohnung im zweiten Stock ist vollgestellt mit Gerümpel der Mieterin: Unter dem Esstisch zwei abgedeckte TV-Geräte und ein Staubsauger, hinter der Couch ein demontiertes Gestell. Im Flur steht ein ausrangiertes Laufband. Stören tun sich daran nur die Untermieterinnen. Denn ihre landlady wohnt im fernen Surinam, einer niederländischen Ex-Kolonie. Dass sie ihre günstige Bleibe an drei Asiatinnen untervermietet ist zwar illegal – in Amsterdam aber gang und gäbe. Denn: Der Wohnungsmarkt in Amsterdam ist seit Jahren ausgetrocknet.
Ursache dieses Missstandes ist die Überregulierung des Wohnungsmarktes. Bei 95 % der Wohnungen wird der Mietpreis vom Staat festgelegt. Nur gerade 10% der Mietwohnungen kosten mehr als 650 Euro. Gegen 40% der Mieter erhalten staatliche Subventionen – insgesamt mehr als 2 Milliarden Euro wenden die Niederlande hierfür auf. Zusätzlich werden die privaten «woningcorporatie» vom Staat zu sozialem Wirtschaften angehalten. Gleichzeitig können Immobilienbesitzer ihre Hypothekarzinsen vollständig von der Einkommenssteuer abziehen. Summa summarum kostet der regulierte Markt die Gesellschaft rund 15 Millionen Euro. Und die Leidtragenden sind jene, die von diesem System eigentlich profitieren sollten: Arme, Studenten, Immigranten. Auf eine subventionierte Mietwohnung wartet man nämlich bis zu zehn Jahre und wer einmal eine dieser Sozialwohnungen («sociale huurwoningen») gekriegt hat, tritt sie auch nicht mehr ab, wenn er sich einmal eine teurere Bleibe leisten könnte. Zu lukrativ ist die Untermiete: Wohnungssuchende zahlen gerne das Doppelte und Dreifache der offiziellen Miete. Und berappen damit ihrer Wirtin den Lebenswandel in Südamerika.
Der chronische Wohnungsmangel bescherte Amsterdam eine bewegte Hausbesetzer-Geschichte. «Geen woning, geen kroning!» krakeelten Tausende, als am 30. April 1980 Königin Beatrix gekrönt werden sollte. 1985 waren 150 Grachtenhäuser und an die 10 000 Wohnungen in anderen Stadtteilen besetzt. Zwischen 1965 und 2000 haben insgesamt 50’000 Niederländer in einem besetzten Haus gewohnt.
Heute kennt Amsterdam eine liberale Praxis im Umgang mit Besetzungen: Steht ein Gebäude länger als ein Jahr leer, darf es besetzt werden. Die Besetzung muss aber der Polizei gemeldet werden. Diese hat zu bestätigen, ob die Besetzer tatsächlich in der Liegenschaft wohnen – hierzu reicht ein Stuhl, ein Bett und ein Tisch. Seit Ende der neunziger Jahren kommen die Hausbesitzer mit einem cleveren Mittel Besetzungen zuvor: sogenannten Anti-Kraak-Agenturen. Diese vermitteln im Auftrag der Immobilienbesitzer leerstehende Wohnungen oder Büroräume an Interessenten. Diesen winkt günstiger Wohnraum, teils an grandioser Lage. Einzig bei der Kündigungsfrist und beim Mieterschutz müssen sie Abstriche machen. Im Schnitt muss ein Mieter alle sechs Monate umziehen. Gewinner auf allen Seiten, möchte man meinen. Nein, meint die Besetzerszene. Die Okkupation von Wohnraum sei das stärkste Mittel im Kampf gegen die Wohnungsknappheit.
Übrigens: In Amsterdam kann man gut essen. Zumindest, wenn man um die holländische Küche einen grossen Bogen macht. Die besten Hühnerfüsse westlich der Taklaman gibt es in der Oriental City. Und (fast) authentische chinesische Küche kann man im New King geniessen – u.a. ein wirklich gutes mapo doufu.
Bildquelle: Flickr (oben) / dutchamsterdam.nl