DIE ZEIT
Büro Schweiz
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Notizbuch

01. November 2010

«My duty!»

Gestern starb in Zürich der Unternehmer und Philanthrop Branco Weiss. Hier der Nachruf von Martin Meyer in der NZZ. Im letzten Frühling besuchte ich Weiss für ein längeres Gespräch in seinem Zürcher Penthouse-Büro.

Ein tiefer, hellbrauner Teppichboden, an den Sitzungszimmer-Wänden konkrete Kunst. Am Büchergestell kleben A4-Zettel mit Zitaten von Seneca, Einstein und Ionesco. Auf dem Sitzungstisch liegt der Hannah-Arendt-Wälzer «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft». Weiss ist ein Begeisterter, gesegnet mit der Abgeklärtheit des Alters: «Aber ich meine nicht zu wissen, wie alles läuft.» Der kroatische Jude, 1943 in die Schweiz geflüchtet, bezeichnet sich als unternehmerisch denkender Wohltäter: «Mich treibt das Sinnvolle.» Was das ist, bestimmt Weiss selbst. Ein Mäzen, sagt er, sei nur erfolgreich, wenn er fördere, was ihn interessiere.

 

Aber weshalb tue er Gutes, fragt man ihn zum Abschied. Plagt ihn das schlechte Gewissen? «Nein!» Der alte Herr wird resolut. Selbstzwang schade der Wohltätigkeit: «Dann sind Sie ein neurotischer Philanthrop und müssen immer etwas beweisen.» Es gehe nicht ums gute Gefühl. Sondern um die Verantwortung, um die Pflicht. «My duty!»

Der ganze Artikel ist hier nachzulesen.

22. Oktober 2010

Zwei Stunden mit Wang Hui

 

Letzten Dienstag hatte ich das Vergnügen, den chinesischen Literaturhistoriker Wang Hui für ein Gespräch zu treffen. In den nächsten Tagen wird in der NZZ ein Porträt erscheinen. Hier mal schon zwei Zitat-Schmankerl.

Über seine Intellektuellen-Kollegen aus dem Westen:

«Aber wenn sie nach China kommen, vergessen sie ihre kritische Einstellung gegenüber ihrem eigenen politischen System».

Wang warnt vor einer kritiklosen Übernahme westlicher Modelle in China:

«Jedes politische System braucht eine politische Kultur, auf deren Grundlage es gedeihen kann»

 

18. Oktober 2010

Wovon träumt der Mittelstand?

Egal, ob Linke oder Rechte, alle Politiker lieben ihn: den Mittelstand. Ihm fühlen sich die Parteien verpflichtet. Ihn wollen sie stärken, belohnen oder retten. Nur, wer oder was ist der Mittelstand in der Schweiz? Was steckt hinter den statistischen Grössen, über welchen ihn die Bundesbeamten und Bankökonomen definieren?

Diesen Fragen will ich in den nächsten Monaten in mehreren Artikel nachgehen. Als erstes treibt mich die Frage um: Wovon träumt der Mittelstand. Vom Häuschen habe ich bereits hier berichtet. Aber was sind die anderen Fixpunkte in ihrem Leben? Welche Werte vertreten sie? Wo liegt ihr Shangri-La?

Haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, eine Ahnung? Eine Vermutung? Ich bin gespannt auf Ihren Input. Entweder hier in den Kommentaren, per Mail an mail at matthiasdaum.ch oder per Telefon unter 043 539 96 03

Hier eine Kollegen-Meinung:

Ich frage mich, ob es überhaupt eine gültige Definition für den Mittelstand gibt.

Mittelstand kann man über das Einkommen bzw. Vermögen definieren. Dann entsteht eine äusserst grosse und heterogene Gruppe. Es wäre dies wohl die Definition, derer sich das Bundesamt für Statistik bedient.

Wenn du den Traum vom Einfamilienhaus auf dem Land beschreibst, zielt Mittelstand aber in die Richtung von Denkmodellen und Lebensentwürfen.

Unsere Familie gehört nach Einkommens-Situation zweifellos zum Mittelstand, ich hatte aber bspw. nie den Traum eines Einfamilienhauses auf dem Land. Wir haben zwar auch ein Haus, aber es war für uns immer klar, dass dies in der (Klein)-Stadt stehen muss, weil wir ohne Auto auskommen und auf ein gewisses Infrastruktur-, Kultur- und Sportangebot nicht verzichten wollen.

Es gäbe neben dem Einfamilienhaus sicher noch viele Wünsche, Lebensentwürfe und Denkweisen, mit derer Hilfe man grosse Gruppen der Bevölkerung unterscheiden könnte – obwohl sie per definitionem der Gruppe des Mittelstandes angehören.

 

Ich sehe die Sachelage ähnlich. Aber gerade weil die (unterschiedlichen) ökonomischen Definitionen von Mittelstand zu kurz greifen, finde ich es wichtig, sich dieser schweigenden Mehrheit vermehrt journalistisch zu widmen.

Mir schwebt vor, dieser Repo http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/unser_heim_1.5822196.html weitere folgen zu lassen. Quasi, sich dem MIttelstand in Themen-Happen zu nähern.

Aber was würden Sie, liebe Leserinnen und Leser sagen, welche Träume oder Ziele sind neben dem «Hüsli» zentral? Ferien? Auto?

 

 

UPDATE 11.11.10:

Auch bei Avenir Suisse macht man sich Gedanken zum Mittelstand. Neo-Jefe Gerhard Schwarz gegenüber tagesanzeiger.ch

 

Eine spannende Frage dabei ist, ob die Reformen, für die wir eintreten, nicht ausgerechnet dem Mittelstand schaden, der uns weltanschaulich unterstützt. Wenn wir beispielsweise dafür sind, dass die Leute ihre Kosten möglichst selber tragen, führt das zu höheren Gebühren und Tarifen. Die unteren Schichten der Bevölkerung erhalten Subventionen, die oberen Schichten kümmert es nicht. Aber den Mittelstand schmerzt es.

Und Claude Longchamp meint auf seinem Stadtwanderer-Blog:

thomas minder, bürgerlich denkender unternehmer aus dem schaffhausischen und initiant gegen die abzocker-mentalität der banken, hat der stimmungslage des mittelstandes wieder eine stimme gegeben.

 

UPDATE 6.12.10:

Das Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) hat im Auftrag des Verbands Angestellte Schweiz eine Erhebung über die wirtschaftliche Situation des Schweizer Mittelstandes gemacht. Ihrer Untersuchung legten die BASS-Fachleute dabei eine klare Definition des Mittelstandes zugrunde. Demnach entfallen je ein Fünftel (also je 20 Prozent) auf die einkommensschwachen und die einkommensstarken Haushalte. Die drei mittleren Fünftel bilden den Mittelstand, der wiederum in einen unteren, mittleren und oberen Mittelstand aufgeteilt werden kann.

12. Oktober 2010

Was denkt er eigentlich, Liu Xiaobo?

Die Welt liebt ihn, den chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Aber seine Schriften – abgesehen von der Charta 08 – kennt kaum jemand. Zum glück gibt es das Internet. Hier lässt sich eine Sammlung der übersetzten (!) Artikel von Liu nachlesen.

 

12. Oktober 2010

Geben macht glücklich!

Ferien in Südchina. Und uns wieder mal gefragt: weshalb ist in chinesischen Städten so wenig jenseits von Konsum, Konsum, Konsum und einigen alten Stätten? Kaum Museen. Kaum Kultur. Kaum Sportveranstaltungen.

Beim Abgrasen der alten Zeitungen, die sich während den Ferien im Büro angehäuft haben, auf folgende ZEIT-Grafik gestossen. Jetzt ist alles klar. Wo Papa Staat die Zügel in der Hand hält, keine Zivilgesellschaft existiert, mangelt es am Sprit für das glückliche Leben: Spenden und Freiwilligenarbeit.

 

 

PDF kann man hier anschauen.

13. September 2010

Tamilen: ein neu-altes Feinbild?

Gestern titelte die Sonntagszeitung: «Tamilen sind krimineller als Ex-Jugoslawen». Sie beruft sich dabei auf die Kriminalstatistiken von 2009. Der Unterton der Geschichte: nicht die «Jugos» sind die Bösen, sondern die Tamilen und Afrikaner.

Allerdings bleibt der Artikel sehr oberflächlich, angereichert durch einiger Politiker- und Beamtenquotes. Grundtenor: «Oh, wir sind schon etwas überrascht!» und «Da muss man etwas tun».

Die SoZ lässt die zentrale Frage unbeantwortet: Welche Taten begehen die jeweiligen Migrantengruppen? Delikt ist schliesslich nicht gleich Delikt!

In Bezug auf die tamilische Diaspora wäre zudem interessant zu wissen: wie viele der Delikte finden innerhalb der Diaspora statt? Welchen Hintergrund haben die Delikte? Einen kriminellen, einen politischen, einen persönlichen?

Denn spätestens seit dem umfangreichen Bericht des Bundesamts für Migration über die tamilische Diaspora in der Schweiz von 2007 (PDF) klar, dass die Integration der Tamilen nur teilweise gelungen ist. Kurz gesagt: beruflich sind sie angekommen, sozial überhaupt nicht. Ich selbst habe hier für DIE ZEIT und hier für die NZZ über die Hintergründe berichtet.

 

 

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14. Dezember 2009

Rap ruled the 00s

Mich plagen Gewissensbisse. Soll man als Gast-Autor Höflichkeit walten lassen? Ertragen die Gitarren-Helden von 78s die Wahrheit? Denn die lautet: Die Nullerjahre gehörten dem Hip Hop. Dazu tanzte die Welt. Nicht zu Indie-Emo-Core-Post-Blabla-Heulsusen-Rock. Beweise gefällig? Voilà! 10 Stück.

19. November 2009

2000 Watt – 2000 What?

43494296Cool Cities. Der Titel ist catchy. Wie immer, wenn niederländische Architekten sprechen, schreiben, denken, bauen. Einer ihrer bekanntesten Vertreter sprach am Dienstagabend in Zürich. Und der 50-jährige Winy Maas liess sich nicht lumpen. Eine Powerpoint-Präsentation als visuelles Sperrfeuer. In 80 Minuten bombardierte er die Zuhörer mit geschätzten 300 Fotos, Statistiken, Renderings. Leserbar war kaum etwas. Aber das ist eine bekannte Architekten-Masche. «Wissenschaftlichkeit, my ass!» ist ihr Motto. Da wird gebastelt, mit Zahlen jongliert, werden Daten zurechtgehämmert. Aber: Solche Bilderreigen sind inspirierend! Sehr sogar. Oder neudeutsch: «I like!» – zumindest bis vor ein paar Jahren.

Heute befallen einem Zweifel an dieser Arbeitsweise. Ist es noch zeitgemäss, dieses architektonische und städtebauliche Consulting? Oder ist diese Oberflächlichkeit, dieses «Ich-erzähl-euch-wie-die-Welt-funktioniert-aber-will-keine-Verantwortung»-Haltung nicht überholt? Müsste man Winy und die Seinen nicht ebenso verfluchen, wie im Nachgang der Finanzkrise die Dampfplauderer von McKinsey-PWC-KMPG & Co.?

Denn, mit Verlaub, was Maas an seinem Vortrag oder im heutigen Tages-Anzeiger-Interview erzählt ist teils trivial – oder schlicht falsch. «Die grossen Investoren haben sich des Themas bereits angenommen», sagt Maas. Wir fragen: Wieso gibt es dann erst einige wenige Leuchtturm-Projekte, die den strengsten Nachhaltigkeits-Standards genügen? Genau, weil sich solche Projekte (noch) nicht lohnen; Stichwort: Ölpreis etc. Oder wenn er für Megastrukturen plädiert: Da hüpft unser Herz! Sehen auch toll aus, die Entwürfe. Aber: Nachhaltigkeit ist Realpolitik! Also: wer will in solchen gebauten Bandwürmern wohnen? Oder wenn Maas gegen den Skeptizismus wettert, ist das unterhaltsam – aber es offenbart die altbekannte dunkle Seite der Architekten-Zunft: Ihr demiurgisches Ich. Wobei er sich mit dieser Kritik selber widerspricht. Schliesslich meint er:

«Es geht ja bei diesen Fragen eigentlich um mehr als nur um Energie, es geht fast um eine Art Anspruch auf Wahrheit. Wir müssen aufpassen, dass wir all die neuen Nachhaltigkeitsregeln richtig interpretieren. Die Regeln haben ihre Berechtigung, ich aber frage mich: Was passiert, wenn wir die total nachhaltige Stadt gebaut haben?»

Genau darüber hätten wir gerne mehr gehört. Auch wir haben uns dazu schon Gedanken gemacht: Droht uns der Triumph des Mockens? Aber Maas’ Antwort zeugt von einem eklatanten Missverständnis des Themas.

«Wir können das Thema dann auf die Seite legen und uns an die nächsten Aufgaben machen.»

Falsch! Falsch! Falsch! Elendes Architektendenken! Nachhaltigkeit ist keine Mode. Kein Stil. Keine Religion. Nachhaltigkeit ist ein ewiges Streben. Nach weniger Energieverbrauch, besseren Lösungen. Und das in ästhetischen Formen.

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26. Oktober 2009

China, Eunuchen und die Kritiker

Die Luft war stickig, der Saal voll. Die Herren etwas müde und dennoch zum Frotzeln aufgelegt. Die chinesischen Schriftsteller Yu Hua und Mo Yan beehrten die Literaturtage in Zofingen. Obschon er Lesungen für eine seltsame Erfindung hält, diese Herren wollte er sehen, hören, erleben. Schliesslich hat er den Buchschinken «Brüder» von Yu Hua verschlungen. Und das lag nicht allein an seinem Faible für literarische Zoten, Vulgäres und Überdrehtes. Nein, auch der Finessen wegen zog es ihn in den Aargau. Mit Li Er hatte am Nachmittag ein Autor seinen Auftritt, der die feine Klinge bevorzugt.

Und was nahm er mit? Einige Bonmots. Etwa über die Geschichte:

«Geschichte ist der Schritt eines Eunuchen, es hat nichts drin. Aber wir wissen, dass der Mönch vor seiner Kastration da ‘was hatte. Ich möchte aufzeigen, was in der Hose war.» Li Er

«Geschichte ist ein hübsches Mädchen, das man zurecht macht.» Li Er

Oder über die Kritikergilde:

«Wenn Kritiker mir vorschreiben wollen, wie man Bücher schreibt, ist das wie, wenn Eunuchen einem sagen, wie man Liebe macht.» Yu Hua

Und als er Yu Hua fragte, was er meinte mit: «Was die Chinesen erleben, muss ihnen nicht die Aussenwelt erklären», kriegte er eine Antwort, die er als Aufruf zum Dialog verstand. Oder verbittet er sich jegliche Einmischung von Aussen?

«Jeder Mensch weiss selber am besten, was er erlebt hat. Was die anderen darüber denken, spielt keine Rolle. Die Veränderungen der letzten 30 Jahre haben die Chinesen erlebt. Wir kennen auch die erfolgreichen Seiten der Entwicklung. Leute aus dem Westen können das nicht auf dieselbe Weise nachvollziehen, wie wir. Wenn ich lese, wie in westlichen Medien über die Entwicklung geurteilt wird, muss ich sagen: Das ist nicht das, was wir erleben.»

 

17. Oktober 2009

Keith, die Nervensäge

Nein, ich war es nicht. Ich hatte mein Handy brav abgestellt, die Digitalkamera zu Hause gelassen und versuchte möglichst flach zu atmen. Denn: Wir wurden gewarnt. In einer E-Mail des Veranstalters, die den Charakter eines Marschbefehls hatte. Keine Kameras! Keine Aufnahmen! Und: bitte möglichst ruhig sein.

Dennoch: In der Schlussphase des zweiten Konzertteils tobte Keith Jarrett! Der Hohepriester der Jazz-Piano-Improvisation sah das Licht. Ein rotes. Den Red-eye-Reducer einer Digitalkamera. Was folgte war ein larmoyanter Sermon. Ein kulturpessimistischer Rundumschlag gegen die Generation «YouTube». Eine wirre Publikumsbeschimpfung.

Das Divenhafte gehört bei Jarrett seit jeher zum Programm. Vor seinen Konzerten wurden schon Hustenbonbons und Taschentücher verteilt, um möglichst sämtliche Geräuschemissionen zu unterbinden. Doch auf dieser Tournee häufen sich die Aussetzer. Sie werden zur Masche. Liegt es am Publikum, wie der Künstler und seine Jünger meinen? Oder nicht doch am Künstler selbst?

Beim Auftritt von 2006 im KKL Luzern kam er ohne derartige Mätzchen aus. Und: Das Konzert war ungleich spannender, als der gestrige Zürcher Auftritt. Ja, dieser war musikalisch gut, sehr gut. Wie Jarrett seine Fäden spinnt, Ideen verdichtet und auseinander seziert: Das ist grossartig. Aber magisch, wie der schmierige Conférencier in seiner Eingangsansprache versprach? Nein, das war dieser Abend nicht. Zu schnell fixierte sich Jarrett auf ein Thema, eine Melodie. Die Entwicklung seiner Gedankengänge war zu wenig hörbar.

Aber wehe dem, der im Saal solches offen ausspricht. Den trifft der Zorn der Jarrett-Anbeter. Wie alle religiös Verbrämten geniessen sie es, wenn ihr Messias die Welt schlecht spricht. Selber fragt man sich: Was zieht Jarrett in die Konzertsäle – vom schnöden Mammon abgesehen? Wäre er in einer aseptischen Studioumgebung nicht besser aufgehoben? Was ist der Zweck einer Live-Aufnahme, welche, vom tobenden Applaus abgesehen, die Publikums-Präsenz negiert?