DIE ZEIT
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Notizbuch

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01. Oktober 2009

Architekten sind totalitär. Immer.

«Le Corbusier bewunderte Hitler und die Nazis». Die Titelgeschichte der heutigen Weltwoche ist für Architekturinteressierte ein alter Hut; was auch die Kollegen von Hochparterre bemerkten. Köbi Gantenbein merkt an: Viel lieber hätte er gelesen, weshalb in der Öffentlichkeit Le Corbusier bis heute eine Leuchtfigur ist?

Die dringendste aller Fragen stellt aber auch Gantenbein nicht. Sie lautet: Wie halten es die heutigen Stararchitekten mit der Macht? Etwa in China. Wo Rem Koolhaas für das Staatsfernsehen CCTV baut und allen Ernstes meint, mit seinem Prunkbau einen «katalytischen Effekt» zu erzielen: «Mit dem Ziel, die herrschenden Bedingungen zu verändern». Vielleicht sollte man sich in Rotterdam die heutige Parade zum 60. Jahrestag zu Gemüte führen. Wandel und Öffnung sieht anders aus. Oder Herzog & de Meuron. Eine Szene im Dok-Film «Bird’s Nest» zeigt die Blauäugigkeit, mit der westliche Architekten in China agieren. Beim Spatenstich verlangt Pierre de Meuron nach einer Schaufel. Er kriegt keine. «I’m the architect!», meint er empört. Die chinesischen Offiziellen geben sich unbeeindruckt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Danke für den Entwurf! Merci für das Monument! Der Name Herzog & de Meuron fällt nie, wenn man an einer Führung durch das Olympiastadion teilnimmt.

Hugo Loetscher nannte Schanghai einen «Übungsplatz der Zukunft». Für Architekten sind autokratische Länder eine Spielwiese für die Erfüllung ihrer Gottvater-Fantasien. Kein mühsames Bewilligungsverfahren, keine Bauordnungen, die peinlich genau eingehalten werden müssen, keine Gewerkschaften, die sich gegen 24-Stunden-Schichtbetrieb wehren, keine Umweltschutzauflagen, die alles verteuern. Dafür: Korruption, Rechtsunsicherheit, Copyright-Verletzungen. Darüber, liebe Weltwoche, liebes Hochparterre, würden wir gerne mehr lesen. Roman Hollenstein hat vor anderthalb Jahren den Anfang gemacht.

Aber man könnte noch weiter gehen. Denn ist Architektur, sind Architekten nicht immer totalitär? Falls gewünscht, greifen wir dazu auch selber in die Tasten? Eigentlich sogar gerne. Mail oder Anruf genügt.

05. August 2009

Hoch lebe der Masten!

Auf das Thema Strommasten brachte mich übrigens das neue (mässig gelungene) Buch von Alain de Botton, in dem er die englische Pylon Appreciation Society vorstellt.

Die Strommasten-Liebhaber mögen etwas verschroben sein. Doch ihr Einsatz für diese Ikonen des öffentlichen Raums ist nicht nur ein Spleen. Schliesslich geht es in der Debatte um die Erdverlegung auch (oder vor allem) um Ästhetik. Und um ein romantisches Verständnis von Kulturlandschaft. Oder anders gefragt: Was unterscheidet den Hochspannungsleitungsmasten von der Kuhweide, der Luftseilbahn, den Weinbergen? Denn: menschgemacht sind sie alle. Werde mich bei Gelegenheit mal diesem Aspekt widmen…

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09. Juli 2009

Juri der Seemann

Rums! Eine Tasche und ein roter Rucksack fliegen auf meine Pritsche. «It‘s normal», raunzt der schwitzende Hüne – und verschwindet wieder. Seinen prallvollen Rollkoffer lässt er stehen. Dzhankoy. Ukraine. Im Nachtzug von Simferopol nach Odessa. 21.15 Uhr. Das Thermometer zeigt 33 Grad. Die Lüftung streikt.

Da steckt ein adrett Gekleidete seinen Kopf ins Abteil. Levi‘s-Jeans, Converse-Schuhen, ein schwarzes Poloshirt. «Juri», seufzt er und drückt den Rollkoffer unter die Liege. Er heisse Denis. Freut mich. Ja, er kenne den anderen. Eben: Juri. Heute Morgen haben sie im Hafen von Kertsch ausgeschifft. Er, Denis, der dritte Offizier. Und Juri: Bordmechaniker. In Bahrain waren sie, wo ihr Schiff im Trockendock repariert wurde.

Zweiter Auftritt Juri: Boxervisage. Beige Dreiviertelhose, rotes ärmelloses Leibchen, Turnschuhe und schwarze Nylonsocken. So stellt man sich einen Seebären vor. «My mother lives in Athens. I am half greek, semi-greek, you understand?» Er tischt auf: Büchsenfrass. Mediterraner Salat und gefüllte Tintenfische. Alles von der Mama gekriegt. Dazu ein in Zellophanfolie eingewickelter Packen Käse- und Schinkenscheiben sowie einige Scheiben Brot. «Very good!» Er schwitzt, stinkt – und greift zu meiner Flasche «Baltika»-Bier. Weg ist die warme Pfütze. «Ups, I did it again!». Aber so sei er halt. Denn: «Ukrainians: Expect the unexpected».

«Швейцария? Switzerland? Oh!». Seine Tante lebt dort. Wo? «I don‘t know». Er rufe seine Schwester an. Und reicht mir das Handy: «Yes, I like Ukraine.» – «Very nice.» – «Three weeks.» – «Kiew. Sewastopol. Odessa.» – «Bye». Dann beginnt sich die Unterhaltung im Kreis zu drehen. «My mother lives in Athens. I am half greek, semi-greek, you understand?» Erst als man auf Piraten zu sprechen kommt, bricht sein Monolog ab. «Difficult subject», sagt er. Und verschwindet.

Gegen halbeins schlafen wir. Die Abteiltüre offen, es ist zu heiss. Eine Stunde später kehrt Juri zurück. Sturzbetrunken versucht er sich aufs Bett hochzuschwingen. Ein Mehlsack, im Turnlehrerjargon. Denis reicht ihm die Hand, mit den Füssen tritt er in die Fressalien auf dem Tischchen. Käsefüsse zu Käsescheiben. Doch er ist oben. Wir schlummern ein.

Ein dumpfer Knall! Bier spritzt. Wir schrecken auf. Schreie. Juri liegt am Boden, röchelnd. Er versucht sich aufzurichten. Gleitet wieder zu Boden. Wieder und wieder. Was tun? Weiterschlfen. Doch verdammt! Unter Gegrunze hievt er sich auf mein Bett. Ein wankender, klebriger Koloss. Alle Versuche, ihn von meiner Pritsche zu kriegen scheitern. Ich bringe meine Siebensachen in Sicherheit. Da kippt er bereits um. Ade Schlaf!

Aber Juri hat uns gewarnt: «Ukrainians: Expect the unexpected!»

11. Juni 2009

Ein Buch-Schinken, «Musikszene Schweiz»

Eben im Chronos Verlag erschienen der 696-seitige Buch-Schinken «Musikszene Schweiz», für den ich einen Beitrag über Mundart-Rap beigesteuert habe.

Hierfür traf ich mich mit dem liebenswürdigen Bösen Buben Gimma zu einem Spaziergang durch Chur. Die Bilder unseres Rundgangs finden sich hier.

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26. Mai 2009

Wohnen à la Hollandaise

Speckig glänzt der schwarze Noppenboden im engen Treppenhaus. Die Gegend ist nicht die beste Amsterdams, der Ausländeranteil recht hoch. Trotzdem macht sie einen freundlichen Eindruck: Grund dafür ist die geringe Gebäudehöhe (maximal vier Stockwerke) sowie die Auflockerung der dichten Bebauung mit Freiräumen. Zudem liegen in Gehdistanz reizvolle Altbauviertel an Grachtenlage und szenige Familienquartiere. Der Clou der Amsterdamer Planer: Mit kleinräumiger Stadtentwicklung die Ghettobildung vermeiden. Und: Mit günstigen Mieten die Bewohnerschaft durchmischen.

Die Wohnung im zweiten Stock ist vollgestellt mit Gerümpel der Mieterin: Unter dem Esstisch zwei abgedeckte TV-Geräte und ein Staubsauger, hinter der Couch ein demontiertes Gestell. Im Flur steht ein ausrangiertes Laufband. Stören tun sich daran nur die Untermieterinnen. Denn ihre landlady wohnt im fernen Surinam, einer niederländischen Ex-Kolonie. Dass sie ihre günstige Bleibe an drei Asiatinnen untervermietet ist zwar illegal – in Amsterdam aber gang und gäbe. Denn: Der Wohnungsmarkt in Amsterdam ist seit Jahren ausgetrocknet.
Ursache dieses Missstandes ist die Überregulierung des Wohnungsmarktes. Bei 95 % der Wohnungen wird der Mietpreis vom Staat festgelegt. Nur gerade 10% der Mietwohnungen kosten mehr als 650 Euro. Gegen 40% der Mieter erhalten staatliche Subventionen – insgesamt mehr als 2 Milliarden Euro wenden die Niederlande hierfür auf. Zusätzlich werden die privaten «woningcorporatie» vom Staat zu sozialem Wirtschaften angehalten. Gleichzeitig können Immobilienbesitzer ihre Hypothekarzinsen vollständig von der Einkommenssteuer abziehen. Summa summarum kostet der regulierte Markt die Gesellschaft rund 15 Millionen Euro. Und die Leidtragenden sind jene, die von diesem System eigentlich profitieren sollten: Arme, Studenten, Immigranten. Auf eine subventionierte Mietwohnung wartet man nämlich bis zu zehn Jahre und wer einmal eine dieser Sozialwohnungen («sociale huurwoningen») gekriegt hat, tritt sie auch nicht mehr ab, wenn er sich einmal eine teurere Bleibe leisten könnte. Zu lukrativ ist die Untermiete: Wohnungssuchende zahlen gerne das Doppelte und Dreifache der offiziellen Miete. Und berappen damit ihrer Wirtin den Lebenswandel in Südamerika.

Der chronische Wohnungsmangel bescherte Amsterdam eine bewegte Hausbesetzer-Geschichte. «Geen woning, geen kroning!» krakeelten Tausende, als am 30. April 1980 Königin Beatrix gekrönt werden sollte. 1985 waren 150 Grachtenhäuser und an die 10 000 Wohnungen in anderen Stadtteilen besetzt. Zwischen 1965 und 2000 haben insgesamt 50’000 Niederländer in einem besetzten Haus gewohnt.
Heute kennt Amsterdam eine liberale Praxis im Umgang mit Besetzungen: Steht ein Gebäude länger als ein Jahr leer, darf es besetzt werden. Die Besetzung muss aber der Polizei gemeldet werden. Diese hat zu bestätigen, ob die Besetzer tatsächlich in der Liegenschaft wohnen – hierzu reicht ein Stuhl, ein Bett und ein Tisch. Seit Ende der neunziger Jahren kommen die Hausbesitzer mit einem cleveren Mittel Besetzungen zuvor: sogenannten Anti-Kraak-Agenturen. Diese vermitteln im Auftrag der Immobilienbesitzer leerstehende Wohnungen oder Büroräume an Interessenten. Diesen winkt günstiger Wohnraum, teils an grandioser Lage. Einzig bei der Kündigungsfrist und beim Mieterschutz müssen sie Abstriche machen. Im Schnitt muss ein Mieter alle sechs Monate umziehen. Gewinner auf allen Seiten, möchte man meinen. Nein, meint die Besetzerszene. Die Okkupation von Wohnraum sei das stärkste Mittel im Kampf gegen die Wohnungsknappheit.

Übrigens: In Amsterdam kann man gut essen. Zumindest, wenn man um die holländische Küche einen grossen Bogen macht. Die besten Hühnerfüsse westlich der Taklaman gibt es in der Oriental City. Und (fast) authentische chinesische Küche kann man im New King geniessen – u.a. ein wirklich gutes mapo doufu.

Bildquelle: Flickr (oben) / dutchamsterdam.nl

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02. März 2009

Chinesisches Autobahnbrücken-Potpourri

Ein chinesisches Autobahnbrücken-Potpourri. Gestaltet von Charis Arnold, mit einem Text- und Fotobeitrag meiner Wenigkeit.

29. Dezember 2008

Goldküste, zum Zweiten

«Wohlhabende bringen Probleme», titelt heute die Regionalausgabe des Tages-Anzeigers. Und greift meine «Zeit»-Geschichte auf, beziehungsweise publiziert eine Nacherzählung derselben.

Das deutsche Elite-Blatt «Die Zeit» widmet sich zum Ende des Jahres einem aktuellen und kontroversen Thema aus dem Bezirk Meilen. Unter dem Titel «Gesucht: Schlechte Steuerzahler» schreibt der Autor Matthias Daum auf den Schweiz-Seiten der Ausgabe über die explodierenden Immobilienpreise an der Goldküste und die soziale Verarmung der Gemeinden.

Dass Daum mit seinen Argumenten ins Schwarze trifft, zeigte eine Quartierversammlung 2007, als die Gemeinde Küsnacht über geplante Genossenschaftswohnungen auf der Allmend informierte. In der hitzigen Diskussion wollten die Anwohner wissen, ob die Zimmer in den Wohnungen so gross sein müssten, wer die neuen Mieter auswähle und ob diese überhaupt berechtigt seien, da zu wohnen.

Schleierhaft ist mir, was an der Schlusspointe des Tagi-Artikels «pikant» sein soll…

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10. Dezember 2008

Listen, Listen, Listen

Alle Jahre wieder packt die Pop-Journaille das Listen-Fieber und sie beglückt ihre Leserschaft mit einer Jahrgangs-Selektion. Heuer beteilige auch ich mich an diese Best-of-Hype und zwar bei den Kollegen von 78s.

06. November 2008

Festschrift Stiftung Netzwerk

Man könnte es als erstes Resultat der Restrukturierung meiner Ich-AG interpretieren – die Gründe für dieses Unterfangen finden sich hier, hier oder hier. Doch die von mir verfasste und von der Komun GmbH gestaltete Festschrift für die im Zürcher Oberland domizilierte Stiftung Netzwerk ist noch ein Kind der Hochkonjunktur dieses Sommers.

26. August 2008

Körperfixierung des Raps

Geahnt haben wir es ja schon lange, dass Rapper die grössten Verbal-Grüsel des Pop-Business’ sind. Nun führt uns dies die Darstellung von <a href=”http://www.fleshmap.com/listen/index.html”>Fleshmap</a> bildlich vor Augen.

<a title=”Bild 2 von machad bei Flickr” href=”http://www.flickr.com/photos/machad/2799700221/”><img src=”http://farm4.static.flickr.com/3078/2799700221_0c4eb4d630.jpg” alt=”Bild 2″ width=”450″ height=”290.7″ /></a>
<a title=”Bild 1 von machad bei Flickr” href=”http://www.flickr.com/photos/machad/2800547982/”><img src=”http://farm4.static.flickr.com/3131/2800547982_edf3b2a78a.jpg” alt=”Bild 1″ width=”450″ height=”290.7″ /></a>