DIE ZEIT
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23. Juli 2015, Die Zeit

“Ich genieße Narrenfreiheit”

Polo Hofer ist der größte lebende Rockmusiker der Schweiz. Ein Gespräch mit dem 70-Jährigen über geldgierige Bergler, konservative Nachwuchsstars, die SVP – und den Tod

DIE ZEIT: Polo Hofer, mögen Sie eigentlich Ihre Fans?

Polo Hofer: Ja, klar. Wieso?

ZEIT: Weil Sie auch schon sagten: “Ich werde auf der Straße ständig angesprochen. Das nervt mich.”

Hofer: Das ist manchmal mühsam. Es ist zwar meistens freundlich gemeint. Ich nehme häufig das Schiff nach Thun. Dann kommen die älteren Damen: “Ah, der Herr Hofer, können wir ein Selfie machen?” Dann wird es schwierig.

ZEIT: Warum?

Hofer: Ich habe ja nichts davon. Als wäre ich Volkseigentum oder ein Service public. Aber es gibt auch andere Situationen: In Thun standen kürzlich drei Jugendliche am Straßenrand. 18-Jährige, mit den Hosen tief unten, Stöpsel in den Ohren und den “Tschäppel” verkehrt. Als sie mich sahen, nahm einer den Stöpsel raus: (verstellt seine Stimme) “Du bist doch der Hofer, oder? Wir hören deine Musik zwar nicht, aber ich sage jetzt trotzdem: Respekt!”

ZEIT: Haben Sie eigentlich davon geträumt, so populär zu werden?

Hofer: Ich machte einfach gerne Musik. Und als Musiker war es einfacher, die Meitli aufzureißen. Der Schauspieler Richard Burton sagte mal: “Bring die Frauen zum Lachen, und sie fressen dir aus der Hand!” Das empfehle ich jungen Männern auch heute noch.

ZEIT: War das der Grund, weshalb Sie vom Schlagzeuger zum Leadsänger wurden?

Hofer: Ja. Und weil vorne mehr Action ist. Man muss mit dem Publikum reden. Ein Brüggli bauen. Und mit der Zeit merkst du: Auf der Bühne hast du eine Narrenfreiheit, kannst sagen, was du willst. Es gibt vielleicht Buhrufe oder große Lacher. Aber vor allem: Es spricht sich rum.

ZEIT: Ist es nicht anstrengend, die Leute immer zu unterhalten?

Hofer: Für mich nicht. Ich habe ein sonniges Gemüt und einen gesunden Humor. (lacht)

ZEIT: Bei welchen Dingen versteht Polo Hofer keinen Spaß?

Hofer: Wenn Behauptungen, Vermutungen oder Vorurteile ausgebreitet werden, dann widerlege ich das gerne.

ZEIT: Wenn es um Sie persönlich geht …

Hofer: … nein, auch über die Weltlage. Wir haben hier in Oberhofen zum Beispiel das Problem, dass der Kanton Bern 100 Asylanten einquartieren will. Das ist natürlich das Dorfthema. Wir sind hier von der SVP umzingelt. Da oben in Sigriswil (zeigt auf den Hang), das ist Amstutz-City, wegen Adrian …

ZEIT: … der SVP-Fraktionspräsident.

Hofer: Hier im Dorf wird dumm “gschnurred”! Diese Asylanten seien sowieso alles nur “fuuli Sieche”. Denen kommt es gerade recht, wenn Toni Brunner sagt: “Wehrt euch!”

ZEIT: Wie mischen Sie sich ein? Schreiben Sie Leserbriefe?

Hofer: Nein, ich diskutiere in der Beiz und an den Dorffesten.

ZEIT: Lassen sich die Leute von Ihnen etwas sagen?

Hofer: Ich genieße Narrenfreiheit. Und ich bin gut informiert, interessiere mich sehr für Politik, lese drei Wochenzeitungen: das Tagi-Magi, den Spiegel und denRolling Stone. Sowie drei Tageszeitungen. Es gibt viele schlecht informierte Leute. Und viele interessieren sich einfach nicht. Die frönen ihrem Konsumismus. Teilweise erleben wir hier eine eigentliche Wohlstandsverwahrlosung.

ZEIT: Wie zeigt sich die?

Hofer: Die Typen müssen einander immer die neusten Töffs vorführen. Und für die kurzen Strecken kaufen sie noch eine Vespa. Die haben kaum je einen ÖV bestiegen. Die können nicht unterscheiden zwischen Eritrea und Somalia, zwischen Syrien und Tunesien. Die meinen, diese Flüchtlinge hätten es speziell auf die Schweiz abgesehen. Dabei ist das Problem – aus meiner Sicht – unlösbar. Es handelt sich hier um eine Völkerwanderung. Ost-West, Süd-Nord. Das kannst du nicht aufhalten, du kannst es höchstens etwas steuern.

ZEIT: Verzweifeln Sie manchmal während solcher Diskussionen?

Hofer: Ob der Dummheit der Leute könnte man schon manchmal verzweifeln.

ZEIT: Wieso ziehen Sie nicht in die Stadt?

Hofer: Sonst ist das Leben angenehm hier, das muss man schon sehen: der See, die Berge. Ich habe 30 Jahre lang in Bern gewohnt. Das hat mir gereicht. Wenn du zum Fenster rausschaust, siehst du dem Nachbarn in die Stube. Und ich habe lange vis-à-vis einer Drogenabgabestelle gewohnt. Jeden Tag dieses Elend vor der Türe. Meine Frau kommt von Spiez, ich von Interlaken. Da sagten wir uns: Komm wir gehen doch wieder ins Oberland. Aber an einen neutralen Ort! (lacht)

ZEIT: Wenn Sie durch die Schweiz touren, was erleben Sie für ein Land?

Hofer: Ein vielfältiges. Wem es hier langweilig wird, der bewegt sich nicht. Aber es gibt Mentalitätsunterschiede zwischen den Berglern und den Flachländern.

ZEIT: Wie würden Sie diese beschreiben?

Hofer: Der Flachländer ist mehr dem Vergnügen zugeneigt. Die Bergler sind stur – und: geldgierig. Sie machen einander fertig. Malermeister gegen Malermeister. Kleinbürger halt. Aber weil ich nicht gerade auf den Grind und aufs Maul gefallen bin, hören sie mir zu.

ZEIT: Sie suchen die Konflikte mit diesen Kleinbürgern also geradezu?

Hofer: Nicht direkt. Ich sage nur meine Meinung.

ZEIT: Sie könnten es wie Bestsellerautor Martin Suter machen, der aus Guatemala und Ibiza über die Schweiz geschrieben hat.

Hofer: Schriftstellerei ist etwas anderes. Ich muss unter die Leute. Ich brauche eine Bühne. Ich bin ein Chronist der laufenden Ereignisse.

ZEIT: Was steht in der Hofer-Chronik der vergangenen 40 Jahre?

Hofer: Meine erste Single mit Rumpelstilz, Warehuus-Blues (1973), war ein Protestsong gegen Konsum. Ich habe die 68er-Bewegung besungen, den Mauerfall, den Irakkrieg. Und hatte einen Song über Aids. Im Minimum en Gummi drum schaffte es in die Hitparade. Da wurde ich sogar vom Bundesamt für Gesundheit ernst genommen. Obschon ich ein bekennender Kiffer bin. Ich war dreimal vor Gericht wegen “Aufforderung zum Konsum” von Gras. Immer freigesprochen. Einmal hatte ich den späteren Bundesrat Moritz Leuenberger als Verteidiger.

ZEIT: Und wie hat sich die Schweiz in diesen vier Jahrzehnten verändert?

Hofer: Die Überbauungen überall, dieser wahnsinnige Kulturlandverlust. Siehst du dort oben die Kräne und die neuen Terrassenhäuser? (Er zeigt auf den Hang hinter Oberhofen) Die Einheimischen nennen sie Lawinenverbauungen. Auch in Grindelwald oder Gstaad verbauen sie genau das, weshalb die Touristen überhaupt hierher kommen: die schöne Landschaft. Oder das neue Gondelbahnprojekt am Jungfraujoch. Die bringen heute 800.000 Leute auf den Berg, aber sie wollen eine Million. Das meine ich mit Profitgier und Gewinnmaximierung. Das Argument ist immer: Es gibt Arbeitsplätze. Aber die Frage ist doch: Ist das Wachstum unendlich? Irgendwann gibt es einen Kollaps.

ZEIT: Sie sagten mal den Satz: “Die Schweizer haben so viele Gelegenheiten, sich mit sich und ihren Freuden zu beschäftigen, dass sie das Leben der Mitmenschen nicht mehr interessiert.”

Hofer: Die Gesellschaft driftet auseinander. Den Stammtisch gibt es nicht mehr, seit das Rauchverbot herrscht. Die Vereine haben Mühe mit ihrem Nachwuchs, ob Jodler oder Turner. Die Jugend hängt an ihrem “Chäschtli” – und jetzt fangen auch die Alten damit an. Das geht alles auf Kosten des direkten Gesprächs. Das finde ich ungesund. Aber handkehrum: die Jungen saufen weniger und nehmen weniger Drogen.

ZEIT: Ist das gut?

Hofer: Für das Gesundheitswesen schon.

ZEIT: Das ist jetzt aber die vernünftige Seite im bekennenden Kiffer, die das sagt.

Hofer: Das ist Statistik. Die meisten Unfälle und Gewalttaten sind mit Alkohol verbunden. Deshalb finde ich das gut.

ZEIT: Sie wollten einmal den Rentnern den Fahrausweis und das Stimmrecht entziehen. Jetzt, wo sie selber 70 sind, würden Sie das immer noch fordern?

Hofer: In meinem Alter kann man nicht mehr viel zur Zukunft des Landes beitragen. Damals kam ich allerdings in einen Shitstorm; bevor es dieses Wort überhaupt gab. Und ich musste mich in Basel auf dem Generalsekretariat der Grauen Panther entschuldigen.

ZEIT: Im Herbst sind Wahlen. Ihre Prognose?

Hofer: Adolf Muschg sagte mal: “Der Zustand einer Gesellschaft misst sich am Umgang mit den Schwachen.” Da steht die Schweiz optimal da. Hier verhungert niemand. Hier gibt es praktisch keine Obdachlosen. Wir haben ein luxuriöses Sozialsystem im Vergleich zu Griechenland und Italien. Und das Geld liegt bei den Alten.

ZEIT: Was bedeutet das?

Hofer:Ich würde eine massive Erbschaftssteuer einführen. Wer nun erbt, kommt zu viel Geld, ohne dafür etwas getan zu haben. Aber jetzt haben wir ja eine Tendenz nach rechts …

ZEIT: Man spricht von einem Rechtsruck im Herbst …

Hofer: Das wird nicht so massiv, aber dennoch. In letzter Zeit habe ich Naturgesetze beobachtet. Das klingt nun vielleicht blöd, aber ich schaue gerne Tierfilme am Fernsehen. Gnuherden, Zebraherden, Fischschwärme, Vogelschwärme: Die verhalten sich alle gleich. Sobald Gefahr im Anzug ist, zieht alles nach der Mitte. Mich dünkt, dass sich die Schweizer auch so verhalten. Das ist die Igel-Mentalität der Eidgenossen. Das hat sich lange bewährt auf den Schlachtfeldern. Mit diesen Schweizern war nicht zu spaßen. Das waren Raufbolde à la Boko Haram, die total betrunken auf den Feind losgingen. Plündern, vergewaltigen. Ich habe die Dorfchronik von Oberhofen gelesen. Vor der Schlacht bei Murten hat Adrian von Bubenberg im ganzen Bernbiet Hilfe angefordert. Auch von hier hat man vier geschickt. Die fuhren mit dem Boot nach Bern – und gingen dann zu Fuß. Nun gab es aber auf dem Weg nach Murten zahlreiche Beizen, weshalb sie erst vier Tage nach der Schlacht ankamen. (lacht)

ZEIT: Also das gut schweizerische Prinzip: Lieber etwas langsamer voranschreiten, um schließlich die eigene Haut zu retten?

Hofer: An dieser Langsamkeit des Systems leidet heute vor allem die SVP. Ihre Masseneinwanderungsinitiative wird nie umgesetzt werden, weil sie nicht durchgedacht ist. Es ist eine Forderung ohne Lösung.

ZEIT: Man merkt, Sie haben ein ambivalentes Verhältnis zur Schweiz.

Hofer: Das kann man so sagen.

ZEIT: Trotzdem tragen Sie immer ein Schweißband mit dem Schweizer Kreuz ums Handgelenk.

Hofer: Ich singe schließlich Mundart. Das passt. Ich bin kein Hurrapatriot. Ich begreife mich erstens als Musiker, zweitens als Europäer, drittens als Schweizer, viertens als Oberländer.

ZEIT: Sprechen wir noch etwas über Ihre Anfänge: Ihre erste Single war New Orleans Function von Louis Armstrong.

Hofer: Die hat mir meine Mutter geschenkt. Ich habe dann natürlich gemeint, jeder schwarze Tourist in Interlaken sei ein Musiker. Nachdem ich 16 Jahre alt war, spielte ich am Wochenende in den Tanzlokalen der Umgebung. Die meisten Gäste waren Engländer und Amerikaner, die haben einem gesagt, was man spielen soll. Ein südafrikanischer Tourist hat mir das erste Mal Bob Dylan vorgespielt, in einem Chalet in Mürren. The Freewheelin’ Bob Dylan. Weil ich gut in Englisch war, begann ich die Texte zu übersetzen. Und merkte: Ah, die singen ja nicht nur: “She loves you, yeah, yeah!”

ZEIT: Sie haben sich dann akribisch durch die Black-Music-Geschichte gehört.

Hofer: Aber nicht verkrampft. Als wir 1971 unsere Band Rumpelstilz gründeten, fuhren wir jeden Sommer für 14 Tage mit Schlafsack und Zelt nach Montreux. Unsere Lieblingsband waren The Crusaders. Das ist instrumental, kein Gesang. Die hatten den Groove, den wir suchten.

ZEIT: Sie sangen dann aber. Und zwar in Berner Mundart.

Hofer: Wir waren die Ersten. Heute gibt es im Kanton Bern 3.000 Bands. Und 70 Prozent singen in Mundart.

ZEIT: Wie viele davon taugen etwas?

Hofer: Ich habe den Überblick nicht. Aber es gibt regionale Eigenheiten: Im Emmental, Oberaargau, spielen sie Hardrock. In Biel und Umgebung Reggae und Latin. Im Seeland und im Oberland eher Country.

ZEIT: Gibt es eine junge Band, die Sie begeistert?

Hofer: Ja, Pegasus. Das ist internationaler Standard. Ich finde die wirklich gut. Und wie die meisten Musiker, die den Durchbruch schaffen, kommen sie aus der Provinz. Aus Biel. Weil man dort vermutlich weniger abgelenkt ist.

ZEIT: Sie halten aber auch mit Kritik nicht hinterm Berg. Über jüngere Mundartbands sagten Sie: “Viele singen nur noch von einem Häuschen und einer Familie.”

Hofer: Die sind oberkonservativ. Und alles ist so geschleckt. Da ist nichts von “meh Dräck”. Das sollen Schlagersänger machen. Das ist deren Job, nicht derjenige einer Rockband. Überall dieser Leichtsinn – und der scheint zurzeit auch noch gefragt zu sein.

ZEIT: Kann man als Rockmusiker mit Familie überhaupt altern?

Hofer: Die Familie und das Zigeunerleben sind kaum vereinbar. Viele, die ich kenne, sind deswegen geschieden – wie ich selber auch. Und dann die Fans. Auch bei mir sind sie früher im Schlafsack vor der Tür gelegen. Es flogen BHs mit eingeklebter Adresse auf die Bühne. Wenn das eine eifersüchtige Frau sieht, dann gibt das “Lämpe”. Aber zurück zu den Liedinhalten: Das Hauptthema ist die gefundene oder die verlorene Liebe. Keine gesellschaftsrelevanten Themen, alles so harmlos, alles heile Welt.

ZEIT: In den achtziger Jahren schafften Sie beinahe den Durchbruch in Deutschland. Woran scheiterte es schließlich?

Hofer: Damals war Emil populär in Deutschland. Und die wollten uns zu Pop-Emils machen. Wir merkten, dass wir da in ein Hamsterrad reinkommen. Übrigens: Udo Lindenberg war mal unsere Vorband, im Rockpalast im ZDF.

ZEIT: Bereuen Sie das im Nachhinein?

Hofer: Nein, ich wollte das gar nicht. Ständig unterwegs, ständig unter diesem Druck, ständig diese Logistik, ständig die Leute, die sich einmischen. Das war mir zuwider. Ich wollte künstlerischen Freiraum für mich. Ich habe nie materiellen Besitz angestrebt. Mich haben viel mehr ausgedehnte Reisen interessiert. Ich ging nie nur zwei Wochen in die Ferien, sondern richtig. Ein halbes Jahr.

ZEIT: Was hat sie angetrieben?

Hofer: Der “Gwunder”. Und ich bin immer der Musik nach in diesen fremden Ländern. Ich hielt mich an den Ratschlag, den mir mal ein Musiker gab: Wenn du in ein fremdes Land kommst, musst du essen, was die Einheimischen essen, die Musik hören, die sie hören – und du musst die 30 wichtigsten Wörter können.

ZEIT: Was war die wichtigste Reise?

Hofer: Ganz klar nach New Orleans. Ich war alles in allem anderthalb Jahre dort. Habe dort auch gesehen, dass Musik und Kochkunst einen Zusammenhang haben. Cajun-Kitchen. Kreolisch. Da ging ich in einen Kochkurs. Mittlerweile war ich Gastkoch in Gstaad an der Gourmetwoche: Gumbo, Etouffe, Jamabalaya, Crawfish Pie. In Louisiana kam ich auch mit Voodoo in Kontakt. Ich merkte aber: Das ist nur die amerikanische Version.

ZEIT: Das heißt?

Hofer: In Louisiana hat man den Katholizismus und den Vodoo-Glauben als gleichwertig akzeptiert. Also wollte ich wissen, wo der eigentlich herkommt. Deswegen bin ich nach Gambia, Togo, Nigeria, Benin gereist. Ich war auf den Voodoo-Märkten, war bei den Fetischeuren, wie man in Togo die Priester-Schamanen nennt.

ZEIT: Wie kann sich jemand, der sich für so unterschiedliche Dinge interessiert, überhaupt wieder hinsetzen, konzentrieren und Songs schreiben?

Hofer: Das inspiriert natürlich. Ich muss dann aber schon schwanger werden mit einer Idee. Nur manchmal passiert das in 20 Minuten. Aber zum Beispiel an Songs wie Im letschte Tram, daran habe ich vier Monate lang rumgefeilt.

ZEIT: Was ist zuerst: der Text oder die Musik?

Hofer: Ich bekomme immer zuerst die Musik, ohne Text. Also muss ich zuerst herausfinden, was ist das für eine Stimmung, welche die Musik vermittelt? Irgendwann kommt der Schlüsselsatz, auf dem kann man aufbauen. Beim Songschreiben ist es so: Du brauchst zuerst die Pointe und kannst dann die Geschichte darauf aufbauen. Man muss es dann aber auch noch singen können.

ZEIT: Wann schreiben Sie Ihre Songs?

Hofer: In Ruhe, in der Nacht, zu Hause. Mit einem Glas Rotwein und einem Joint.

ZEIT: Nun sind Sie wieder mal auf einer Abschiedstour …

Hofer: … das wird mir unterstellt, von den Journis. Ich habe noch nie meinen Abschied gegeben. Das stimmt nicht. Ich habe nur die Band und das Personal gewechselt. Ich kann nächstes Jahr immer noch eine Zugabetour machen.

ZEIT: Wieso aber überhaupt der Gedanke daran, dass nun genug sei?

Hofer: Ich arbeite schon weit über das Pensionsalter hinaus. Das hat das Künstlerleben halt an sich. Den Maler Hans Erni bewunderte ich sehr …

ZEIT: … da müssten Sie nun noch 30 Jahre anhängen. Erni wurde 106 Jahre alt.

Hofer: Ja, aber malen ist einfacher als Rockmusiker sein.

ZEIT: Sie sagten aber auch: Es rentiere nicht mehr.

Hofer: Für die Tonträger kriegt man nichts mehr. Bei den Konzerten wurden die Gagen jedoch besser. Man verlangt einfach mehr.

ZEIT: Könnten Sie auf die Bühne verzichten?

Hofer: Ja. Das habe ich gemacht, jahrelang. Ich habe in den neunziger Jahren meine damalige krebskranke Freundin anderthalb Jahre lang gepflegt. Bis zu ihrem Tod. Zudem habe ich auch viel anderes gemacht: Grafiken, Gedichtbände geschrieben, das allererste Krokus-Album habe ich gestaltet.

ZEIT: Sie hatten vor einiger Zeit schwere gesundheitliche Probleme. Was machte das mit Ihnen?

Hofer: In den letzten sechs Jahren war ich zweimal unter dem Messer. Die Bauchspeicheldrüse. Ich lag zwei Wochen lang im Koma. War drei Monate in der Reha. Das bringt einem auch ins Grübeln.

ZEIT: 2011 sagten Sie: “Ich rechne nicht damit, in zehn Jahren noch zu leben.”

Hofer: Das stimmt.

ZEIT: Das wären heute dann noch sechs.

Hofer: Und jetzt? Ich habe keine Erwartungen. Ich bin jeden Tag mit der Vergänglichkeit konfrontiert. Meine Frau betreibt ein Sarg-Atelier. Und ich habe schon in jungen Jahren alles gelesen, was es zum Thema gibt: Das Tibetische Totenbuch, den Koran, Sufismus-Texte oder buddhistische Schriften, auch Taoismus, die hinduistischen Upanischaden, die Apokalypse, Dante Alighieri, Elisabeth Kübler-Ross …

ZEIT: Wie also wollen Sie sterben?

Hofer: Schnell. Einfach schnell.

ZEIT: Und was kommt danach?

Hofer: Das ist mir egal. Das werde ich dann schon erfahren. Darüber nachzudenken ist Zeitverschwendung. Das sage ich, nachdem ich 50 Jahre lang darüber nachgedacht habe. Alles, was dir darüber mitgeteilt wird, sind Vermutungen und Behauptungen. Es ist noch keiner zurückgekehrt.

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