DIE ZEIT
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untergetauchte
23. Februar 2012, Die Zeit

»Gott hat gewollt, dass ich hier bin«

Ein Leben auf fremden Sofas: Joëlle aus Kamerun ist abgetaucht. Seit drei Jahren schlägt sie sich durch. Jede Kontrolle kann die letzte sein.

An einem Dezembermorgen im Jahr 2007, einem Samstag, stand Joëlle, die eigentlich anders heißt, im jurassischen Vallorbe vor einem hohen Stacheldrahtzaun. Der Pförtner öffnete ihr das Tor, sie trat ein und stellte an der Rezeption des Empfangs- und Verfahrenszentrums ihren Asylantrag.

Es war ein Versuch. Er scheiterte. Nach ein paar Wochen erhielt Joëlle den Entscheid: negativ, abgelehnt, abgewiesen. Trotzdem sitzt sie vier Jahre später in einem Bürozimmer in Kleinbasel an einem runden Sitzungstisch. Auf dem Schoß ein etwa vierjähriges Mädchen, das nicht ihre Tochter ist. Joëlle, die 42-jährige abgewiesene Asylbewerberin, ist untergetaucht. Sie arbeitet als Putzfrau und Kindermädchen.

Sie lebt ein Leben ohne Ausweis, ohne Papiere, in ständiger Angst vor der Polizei. Wird sie geschnappt, drohen ihr Gefängnis und Ausschaffung. Aber für Joëlle bietet das Leben im Untergrund eine Perspektive: Arbeit und Geld.

Daheim in Kamerun, in Bafoussam, wo Joëlle als Grundschullehrerin arbeitete, aber viel zu wenig verdient habe, wie sie sagt, hatte sie mit ihren Kolleginnen diskutiert, was zu tun wäre. Auswandern, weggehen, in die Schweiz am besten, dachten sie. Ein Cousin, der in Kamerun kein Cousin, sondern ein über drei Ecken Bekannter ist, lebte bereits dort. Also trieb Joëlle, irgendwie, 4.000 Franken auf, verschuldete sich damit und besorgte sich einen Pass und ein Visum. Wobei nicht ihr Name darin stand, nicht ihr Foto darin klebte, sondern das einer Landsfrau, die ihr ähnlich sah. »Wir mussten recht lange suchen, bis wir jemanden fanden«, sagt Joëlle. Und sie lacht schallend. Heute ist sie ein Jedermann, gerade im Ausländerquartier Kleinbasel. Ihre dunklen Haare mit den hellbraunen Mèches hat sie kurz geschnitten und hart geföhnt. Sie trägt Turnschuhe, weiße Hosen und ein himbeerrosa Strickjäckchen mit Reißverschluß, an dem sie nestelt. Unmodische Tarnung. Wäre da nicht ihre dunkle Hautfarbe, sie würde kaum auffallen.

Es war das erste Mal, dass Joëlle ihr Land verließ. »Gott hat mich übers Meer getragen, Gott hat mich über die Kontinente geflogen«, sagt sie in ihrem Französisch mit afrikanischem Singsang. Angekommen am Flughafen Zürich, musste Joëlle ihren »gemieteten« Pass mit dem Visum einem Mittelsmann abgeben, er fuhr sie zu ihrem Cousin nach Freiburg. Dann nach Delsberg. Dann wieder Freiburg. Immer blieb sie nur ein paar Tage. Ihre »tour de maisons«, nennt es Joëlle. Mal schlief sie auf der Couch, mal im Gästebett. Schließlich gab ihr der Cousin einen Tipp: »Joëlle, stell einen Asylantrag.«

Aber dafür brauchte sie eine Geschichte, die sie den Behörden immer und immer wieder erzählen konnte. Wenn man sie heute danach fragt, muss sie erst nachdenken, was sie damals als Asylgrund angab. »Es ist schwierig, die Geschichte zu behalten«, sagt Joëlle. Schließlich folgt eine bruchstückhafte Story über Parteispenden-Hinterziehung im Präsidentschaftswahlkampf, die man Joëlle und ihren Freundinnen in die Schuhe schieben wollte. Erfunden, nein, nein, sei ihre Geschichte nicht. »Aber so schlimm, wie ich es erzählte, war es nicht gewesen.« Das merkten auch die Behörden, die Geschichte erschien ihnen unglaubwürdig. Sie lehnten den Antrag ab. »Ich realisierte«, sagt Joëlle, »dass dieses Asylverfahren nicht das ist, was man mir erzählt hatte.« Kein Selbstläufer. In Solothurn, wo sie in der Zwischenzeit in einem Asylzentrum lebte, mit mehreren Personen im Zimmer, machten die Behörden Druck: »Il faut rentrer! Il faut rentrer! Du musst zurück! Du musst zurück!« Täglich flatterten Briefe ins Haus: Ausreisebefehle. Und immer wieder kam die Polizei und nahm Bewohner mit.

Joëlle wusste, das drohte auch ihr. Sie wurde nervös, gestresst. Zurück nach Bafoussam wollte sie keinesfalls. Weder Haus noch Arbeit hatte sie dort. Dafür Angst, die Regierung könnte von ihrer Lügengeschichte gehört haben. Sie besprach sich mit Bekannten, die sie hier getroffen hatte: in den Gottesdiensten afrikanischer Gemeinden mit Pfarrern und Mitgläubigen, in den Supermärkten und Coiffeur-Salons mit Landsleuten. Schließlich ging es schnell. Eines Abends packte sie ihre Sachen, eine Tasche voll, ein Freund holte sie in Solothurn ab. Sie fuhren nach Delsberg. Joëlle tauchte unter.

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Bild: Montage Matthias Daum