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30. Juli 2015, Die Zeit

Splügen liegt am Meer

Vor über 100 Jahren hat der Ingenieur Pietro Caminada eine wahnsinnige Idee: Er will die Nordsee und das Mittelmeer miteinander verbinden – mit einem Kanal über die Alpen.

Reto Attenhofer parkiert seinen Seat unterhalb der Passhöhe. Töff-Fahrer mit neongelben Westen legen sich in die Serpentinen. Wolken drücken gegen den Piz Tambo. Am Abend wird es gewittern. Der Dorflehrer aus Splügen, kurze Hosen, schwarzes T-Shirt, geht über einen Trampelpfad und zeigt auf ein paar farbige Dachlatten, die verstreut in der Alpweide liegen: “Hier musst du hinstehen.” Tatsächlich, die Hölzer werden zum Bild. Nur: Was suchen ein Schiff, ein Leuchtturm oder ein Anker hier? “Splügen liegt am Meer”, sagt Attenhofer.

Ein Bergdorf an der See. So denkt vor über 100 Jahren auch der Ingenieur Pietro Caminada. Er hat eine wahnsinnige Idee. Er will die Nordsee und das Mittelmeer miteinander verbinden – mit einem Kanal über die Alpen.

Herzstück seiner 591 Kilometer langen Via d’acqua transalpina von Genua nach Basel ist ein gigantisches Schleusenwerk am Splügenpass. Und deshalb liegt hier auch Kunst in den stotzigen Wiesen. Aber dazu später.

Pietro Caminada wird im Mai 1862 in Mailand geboren. Sein Vater stammt aus dem kleinen Bündner Dörfchen Vrin und sucht in der norditalienischen Metropole sein Glück; seine Mutter ist Italienerin. Der junge Caminada wird Ingenieur, und bald zieht es ihn ebenfalls in die Ferne. Erst nach Argentinien, dann nach Brasilien. In Rio de Janeiro plant er das neue Hafenbecken, entwirft eine Hochbahn oder hat die Idee, ein Tram über den historischen Aquädukt Arcos da Lapa fahren zu lassen. Das Bähnli wird zur Touristenattraktion. Und: Er zeichnet die ersten Pläne für Brasilia, die neue Hauptstadt im Landesinnern.

Er ist ein Weltenbauer, kein Fantast. Mehr Leonardo da Vinci als Jules Verne. “Er war ein Feuerkopf mit langem weißem Bart und Haar bis auf die Schultern, ein brennender Vesuv mit Schnee auf dem Gipfel”, heißt es in seinem Nachruf.

Caminada lebt noch in Brasilien, da wird auf der anderen Seite des Atlantiks der Eisenbahntunnel durch den Gotthard eröffnet. Statt Pferdekutschen über die Pässe brettern nun Dampflokomotiven durch den Berg. Und für die Menschen am Splügenpass brechen harte Zeiten an. Seit dem Spätmittelalter leben sie vom Passverkehr. Er brachte den Wohlstand ins Bündner Rheinwald. “Schau dir die herrschaftlichen Häuser an”, sagt Reto Attenhofer bei einem Dorfrundgang. Die Palazzi, die Residenzen der Familien von Schorsch und von Albertini, die Alte Herberge Weiss Kreuz oder das Hotel Bodenhaus. Mitte des 19. Jahrhunderts erreicht der Warentransport nach Italien seinen Höhepunkt. 27.100 Tonnen werden mit Pferdefuhrwerken und auf Säumergäulen über die neue, vom Königreich Lombardo-Venetien finanzierte Kunststraße gefahren und geschleppt. Doch dann geht es nur noch bergab. Viele Splügner wandern aus, die meisten nach Nordamerika oder Neuseeland.

Reto Attenhofer, der auch Präsident der Kulturvereinigung Rheinwald ist, schließt die Tür zum kleinen Heimatmuseum in Splügen auf. Es liegt im Erdgeschoss des Schorsch-Hauses. In den Räumen stehen Pferdeschlitten, hängen Textilien, wird lokales Brauchtum erklärt. Und auf dem Fenstersims, fein säuberlich in Plastik eingeschweißt, Kopien aus dem Gästebuch des Hotels Bodenhaus: Erasmus von Rotterdam, Kaiserin Viktoria, William Turner oder Michail Bakunin, sie alle machten hier Station.

Aber als Pietro Caminada 1907 nach Europa zurückkehrt, liegt der Passverkehr über den Splügen bereits am Boden. Noch in Südamerika hat der Exil-Bündner an seinem Projekt getüftelt. Diesem “Hyper-Alpenkanal”, wie ihn der junge Schweizer Historiker Andreas Teuscher in seinem vergnüglichen Buch Die Schweiz am Meer nennt.

In Rom also rührt Caminada die Werbetrommel für sein Projekt. Und alle großen Zeitungen berichten – weltweit. Die New York Times widmet dem “waterway across the Alps” eine halbe Seite in ihrer Sonntagsausgabe. Die Berliner Illustrierte Zeitung ist fasziniert vom transalpinen Kanal. Der Corriere de la Serahievt ihn auf seine Titelseite. Der Direktor des Polytechnikums in Mailand weibelt für das 500-Millionen-Lire-Projekt. Und am 3. Januar 1908 erhält Caminada eine Audienz im Quirinalspalast in Rom: König Vittorio Emanuele III. von Italien will sich das Projekt persönlich erklären lassen. “Wenn ich schon längst vergessen sein werde”, sagt der Monarch zum Ingenieur, “wird man immer noch von Ihnen reden.”

Schiffe, bis zu 50 Meter lang, sollen ihre 500-Tonnen-Fracht von Genua über Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass und den Bodensee bis nach Basel fahren. Und damit der Eisenbahn Konkurrenz machen. Den Pass selbst will der Ingenieur mit einem 15 Kilometer langen, leicht geneigten Schiffstunnel unterfahren: vom Dörfchen Isola bis in die Rofflaschlucht oberhalb von Andeer. Das Loch wäre damit genauso lang wie der Gotthardtunnel.

Doch wie sollen die Lastkähne die 1.250 Meter Höhendifferenz von Genua bis zum Südportal überwinden?

Caminada entwirft ein neuartiges Schleusenwerk, das er in den USA patentieren lässt. Er will Röhrenkanäle an die Alpenhänge bauen lassen, die in Hunderte Doppelkammerschleusen aufgeteilt sind. Im Foyer des Heimatmuseums erklärt Reto Attenhofer die technischen Zeichnungen an den Stellwänden: “In normalen Schleusen werden die Schiffe nur vertikal von einer Ebene auf die nächste gehoben. In den Caminada-Röhren können die Schiffe gleichzeitig nach vorne geschoben werden.” Und dies allein durch die Kraft des herabfließenden Wassers. Damit die Schiffe in der Spur bleiben, verkettet sie der Ingenieur mit Schienen am Röhrenboden. Und weil er für die Berg- und Talfahrt zwei parallele, miteinander verbundene Röhren vorsieht, wäre auch immer genügend Wasser vorhanden. Jedenfalls schreibt das Schweizer Baublatt im Januar 1908: Von Fachleuten sei der Plan “im grossen und ganzen als wohl durchführbar” taxiert worden.

Aber in Graubünden ist man skeptisch. Die Bündner Post meint: “Uns wäre besser gedient, wenn die Italiener sich einmal energisch aufraffen und fest erklären würden, wir geben so und so viele Millionen an die Splügenbahn.” Die Eisenbahn ist das Transportmittel der Zukunft, nicht das Schiff. Eine Linie von Chur nach Chiavenna ist seit 1838 angedacht, man will damit dem Gotthard den Rang abfahren – sie wird aber nie gebaut werden. Und auch im Ausland mehren sich die kritischen Stimmen. “Da die Schweiz kein Industriestaat ist und trotz ihrer beabsichtigten Kanalverbindung mit dem Mittelmeer niemals ein solcher werden wird”, schreibt Reclams Illustrierte Weltrundschau: “So ist ein Zweifel in die dereinstige Rentabilität wohl umso mehr berechtigt.”

Davon lässt sich Ingenieur Caminada nicht beirren. Er tüftelt weiter an seinem “Canal Grande Transalpino”. In seiner Wohnung in Rom hat er das gesamte Schleusensystem en miniature und in verschiedenen Varianten gebaut. Für eine Architekturausstellung in Mailand fertigt er ein riesiges Modell im Maßstab 1 : 10. Er wäre bereit loszulegen.

Doch der große Traum vom Schiffskanal über die Alpen scheitert. Nicht an der Technik, sondern am Geld. Und am Ersten Weltkrieg, in den Italien einsteigt. Oder wie Historiker Andreas Teuscher schreibt: “Den Einwand, dass es völlig absurd und sinnlos sei, mit Schiffen über die Alpen zu fahren, äußerte damals niemand. Der einzige Haken an der Sache war der Preis.”

Und in Splügen selbst? “Hier hat das damals kaum jemand interessiert”, sagt Reto Attenhofer im Heimatmuseum. Keine Aufzeichnung in der Dorfchronik. Nur ein kurzer Artikel in der Lokalzeitung. Pietro Caminada schafft es nie persönlich ins Tal. 1923 will er zwar ins Rheinwald reisen, um einen Augenschein zu nehmen, um zu planen, wie seine Idee in die Landschaft gebaut werden könnte. Doch am 20. Januar stirbt er, 60-jährig, in Rom.

So gerät der “Hyper-Alpenkanal” schnell in Vergessenheit. Bald rollen die ersten Autos über die Bündner Pässe. Und während des Zweiten Weltkriegs kämpft das Rheinwald gegen ein anderes Monsterprojekt: Ein Staudamm soll das ganze Tal fluten. Splügen ist dem Untergang geweiht. Von Schiffen in den Alpen will da niemand mehr etwas wissen.

Bis in die 1960er Jahre. Damals kommt ein neuer Lehrer nach Splügen: Kurt Wanner. Der Vorgänger von Reto Attenhofer ist es, der den historischen Wanderweg über den Splügenpass wiederentdeckt: die Via Spluga von Thusis bis Chiavenna. Bei seinen Recherchen stößt er auf die Wahnsinnsidee von Caminada – und erforscht die Geschichte dahinter. Vor zehn Jahren erscheint ein Beitrag in den Bündner Monatsheften, dazu gibt es eine erste Ausstellung im Heimatmuseum. Und schließlich montieren die lokalen Touristiker auf dem Pass eine Infotafel.

Sie weckt im letzten Sommer die Neugierde einiger Lehrer der Gestalterischen Berufsmaturitätsschule Zürich. An der Limmat sorgt gerade ein Hafenkran für Ärger – er ist Teil eines Kunstprojekts, das die fiktive Geschichte von Zürich als Hafenstadt erzählt. Das Meer bewegt auch im Unterland.

Und so fällt diesen Juni eine Hundertschaft Kreativschüler ins Bergdorf ein. Die Unterländer wuchten Schwartenbretter-Schiffwracks in die Landschaft, hängen einen poetischen Papierschiffchen-Baldachin in die reformierte Kirche – oder legen farbige Dachlatten in hochalpine Alpweiden. Leuchttürme, Wellen, Anker oder Frachtkähne. Sogenannte Anamorphosen, die nur von einem bestimmten Standort als Objekte erkennbar sind.

Und für einen Sommer liegt Splügen tatsächlich am Meer.